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Auf der Suche nach der verlorenen Identität

17. Januar 2012 Kommentare aus

Aldo Rossi: Deskriptive Längsschnittstudie. Foto: Ferlenga 1999.

 

Aldo Rossis Gran Teatro La Fenice: Italienische Architekturen

Wer Italien bereist oder es auf Bildern betrachtet, schweift unweigerlich über die wunderbaren Formen, der im Lichte mediterraner Sonne erstrahlenden, die verwinkelten Gassen säumenden Fassaden der malerischen Palazzi. Diese Zeugen eines würdevoll gealterten Italiens, die heute allerdings oftmals überlagert sind mit den Spuren „moderner“ Zivilisation, sind zu Sinnbildern italienischer Identität geworden. Während diese alten Gebäude zweifellos ihre Herkunft und Geschichte Kund tun, verhält es sich mit den Architekturen der Gegenwart ganz anders.

So gestaltet sich die Suche nach einer spezifisch italienischen Architektur heutiger Zeit, bzw. dessen, was sie ausmachen könnte, als wesentlich schwieriger, als zunächst anzunehmen wäre.

Genius loci vs. globalisierte Architektur

Im Zeitalter fortschreitender Globalisierung und hochbeschleunigter Kommunikationsprozesse, wird die Herausbildung oder konsequente Weiterentwicklung nationaler oder gar regionaler Besonderheiten immer schwieriger. Dies geschieht zwar zu Gunsten internationaler Gleichstellung, doch bleibt auf Dauer die eigentliche Identität eines Ortes auf der Strecke. Wir erleben heute in der Architektur einen neuen International Style, der schließlich lokale Identitäten verschlingen und stattdessen eine globalisierte Architektur nach dem Prinzip des „everything goes“ hervorbringen wird.

In diesem Zusammenhang wird es zunehmend schwieriger von italienischer, deutscher, amerikanischer, etc. Architektur sprechen zu können, weil die eine wie auch die andere nun überall anzutreffen sein wird und die vielfältigen Ebenen der Unterscheidungsfähigkeit zunehmend internationaler Nivellierung weichen werden.

Innerhalb eines solchen Panoramas kann eigentlich nur noch dann eine wirklich identitätsstiftende und reflektierende Architektur entstehen, wenn eine besonders günstige Konstellation aus Bauaufgabe, beteiligten Personen, Ort und Zeit hierfür den Weg bereiten und selbst dann ist dies nicht zwangsläufig gegeben, wie jüngst das Beispiel der Mailänder Scala demonstriert. Denn hier wird auf der Grundlage äußerst zweifelhafter politischen Entscheidungen eines der bedeutensten Opernhäuser renoviert, indem man die Charakteristika des Ortes und des bisherigen Gebäudes mit einer dominant-auffälligen und zugleich modischen Formenkomposition überformt. Das Ergebnis wird in diesem Falle wohl ein veränderter, aber keineswegs reflektierter Ort sein!

Architektur des Unterschieds

Nun ließe sich jedoch über die Wichtigkeit lokaler, regionaler und nationaler Besonderheiten in der Architektur zur Genüge streiten, wenn nicht grundsätzlich festzustellen wäre, dass der Verlust des Unterschiedes auch den Verlust der Identität provozieren würde. Denn nur das historisch gewachsene, spezifische Merkmal und dessen Kultivierung können das pluralistische Welt-Mosaik kultureller Schaffenskraft weiterhin vervollständigen und den kontinuierlichen Austausch der Errungenschaften nachhaltig und fundiert gestalten.

In diesem Sinne stellt der Wiederaufbau des 1996 niedergebrannten Gran Teatro La Fenice in Venedig den gelungenen Versuch dar, in vollem Bewusstsein der venezianischen Identität eine angemessene Architektur zu schaffen. Dies ist nicht zuletzt dem Urheber des Entwurfes, dem 1997 verstorbenen Mailänder Architekten Aldo Rossi zu verdanken. Dieser hatte zeitlebens die Reflexion des Ortes als Kernstück seines Werkes im Blick.

Der Maestro: Aldo Rossi (1931-1997)

Aldo Rossi ist die zentrale Figur der italienischen Nachkriegsarchitektur. Kein anderer Architekt hat in Italien auf theoretischer und praktischer Ebene zugleich, vergleichbar umfangreiche und gewichtige Studien zu Geschichte und Identität unserer gebauten Umwelt erbracht. Sein Werk ist bestimmt von innerhalb der Moderne oftmals kritisierten Architekturen, die aber stets bemüht sind, ihren Ort, die Geschichte, das Vertraute in neuer Konstellation und Interpretation wiederzugeben. So wird seine Architektur geprägt von den wenigen aber tiefgreifenden Dingen, die Bestandteil der vertrauten Wirklichkeit sind. Diese Haltung wird in besonderer Weise bei der Rekonstruktion der Fenice wiedergespiegelt, wo es darum ging, der Stadt und auch der Welt dieses historisch so bedeutsame Theater wieder zurück zu geben.

Com’era, dov’era

Der Wettbewerb, der dem Entwurf voraus gegangen war, verlangte den Wiederaufbau des Theaters nach dem Grundsatz „com’era e dov’era“ (dt.: „so wie es war, dort wo es war“). Folglich bewegten sich die teilnehmenden Projektgruppen innerhalb eines eng gesteckten Rahmens, der zwar die höchst exakte Rekonstruktion forderte, dabei jedoch Möglichkeiten der Neuerung und Ergänzung nicht gänzlich ausschloss.

Ein Theater in fünf Akten

Das mittlerweile realisierte Projekt entwickelt sich entlang von fünf das Theater konstituierenden Elementen (Sale Apollinee, Theatersaal, Bühnenturm, Nordflügel und Südflügel) und reproduziert die Fenice weitestgehend so, wie sie vor dem Brand von 1996 ausgesehen hat. Allerdings wurde die Gelegenheit des Wiederaufbaus genutzt, um die notwendigen technischen Erneuerungen (vor allem im Bühnenturm) durchzuführen, sowie die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten zu erweitern (insbesondere im Dachbereich der Sale Apollinee). Außerdem konnten nun viele der über die Jahrhunderte verlorengegangenen Charakteristika des ursprünglichen Entwurfes von 1790 wieder aufgenommen werden. So zeigt sich das Theater heute zwar in seinem historischen Gewand, doch ist an vereinzelten, wohl ausgewählten Stellen, deutlich zu erkennen, dass die Gegenwart in der es errichtet worden ist, in der Architektur des Theaters reflektiert wird.

Im Folgenden sollen die wesentlichen Merkmale der neuen alten Fenice dargestellt werden:

  •  Sale Apollinee

Diese wurden gänzlich zerstört und nun originalgetreu wiederaufgebaut, mit dem Unterschied, dass die historisch sich überlagernden Dekorationsschichten für den Besucher von nun an sichtbar sind, so dass die Entwicklungsgeschichte des dekorativen Apparates spürbar ist. Außerdem wurden im Dachbereich neue, für die Öffentlichkeit zugängliche Bereiche gewonnen.

  • Theatersaal

Der Theatersaal, der ebenfalls vollständig zerstört worden war, ist minutiös rekonstruiert worden, selbst die akustischen Eigenschaften des Saales sind die gleichen wir vor dem Brand.

  • Bühnenturm

Der von historischen Mauerbögen charakterisierte Bühnenturm, musste den Bedürfnissen eines heutigen Theaters unbedingt angepasst werden, weshalb man sich dafür entschied, innerhalb der bereits definierten Struktur des Bühneturms eine eigenständige neue (technische) Struktur einzupassen, so dass der gesamte Bühnenapparat als eine Art Gebäude im Gebäude angesehen werden kann.

  •  Nordflügel

Dieser Teil, in dem sich die dem Bühnebereich zugeordneten Funktionsräume befinden, wurde in seiner äußeren Hülle rekonstruiert, während das Innere nach rationalen Gesichtspunkten den heutigen Bedürfnissen angepasst worden ist.

  •  Südflügel

Hier befindet sich der Verwaltungstrakt des Theaters, der nun ergänzt worden ist um die Sala Nuova, die für kleinere Aufführungen und Orchesterproben zur Verfügung stehen soll.

Die Sala Nuova, die mittlerweile Sala Rossi heißt, ist das Kernstück des gesamten Entwurfes. Hier konzentriert sich die entwerferische Kraft, die an fast allen anderen Stellen vom Willen historischer Rekonstruktion zurückgehalten worden ist. In diesem einen Raum fließt die Identität des Projektes mit der des Ortes am stärksten zusammen und verankert es in der Gegenwart. Hierzu rekonstruiert Rossi die Fassade der Basilika Palladiana von Vicenza im Maßstab 1:3 als eine Art festen Bühnenbildes. Diese Fassade, die so charakteristisch für den ganzen Veneto ist, soll, ähnlich den Gemälden Canalettos, die verschiedenen Wirklichkeiten des mondo veneto zusammenführen:

„[…] perché è bella ma anche perché riproduce quell’interno del mondo veneto, quasi il tentativo di ricomporre nell’edificio un mondo veneziano tra storia e invenzione“ (Aldo Rossi zit.n. Alberto Ferlenga (Hg.): Aldo Rossi. Tutte le opere. Electa Mailand 1999; S. 423).

Wie Phönix aus der Asche

Seit 2004 hat das Gran Teatro La Fenice seine Pforten wieder geöffnet. Dem Besucher offenbart es sich italienischer, venezianischer als je zuvor. Es stellt eines der wenigen Bauwerke der jüngeren Zeit dar, die zu Recht als italienisch bezeichnet werden können – weil es, den für dieses Land so spezifischen historischen und kulturellen Kontext im Bewusstsein der Gegenwart reflektiert. Dieses Theater will nicht neu, nicht innovativ sein, sondern schlichtweg das zum Ausdruck bringen, was seine Identität ausmacht. Dies sind vor allem seine Bedeutung für das venezianischen Stadtgefüge und seine kulturgeschichtliche Relevanz als eines der wichtigsten Opernhäuser. Es zeigt, wie im Einklang mit der Geschichte, die Geschichte selbst als ein Entwurf verstanden werden kann und wahrscheinlich ist genau dieses Verständnis, das typisch Italienische, das in der Architektur möglich ist.

Erstmals veröffentlicht in: Onde : das italienische Kulturmagazin, 12.2005/Nr. 23.

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