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Ein lombardo-romanisches Stilelement: der Tiburio

10. März 2012

Giuseppe Polvara: Modell der Kirche S. Maria Beltrade (1926-34) in Mailand. Foto: Privat.

Der italienische Terminus tiburio ist ein bislang im Deutschen kaum bekannter Ausdruck. Seinen Ursprung hat der Begriff tiburio im lateinischen Ausdruck tiburium, der laut Treccani vermutlich eine Alternation des Begriffs ciborium ist. Jedenfalls sind die beiden Bauteile tiburio und Ziborium wesensverwandt (s.u.), so dass die Annahme plausibel erscheint. Baugeschichtlich handelt es sich beim tiburio um ein nachantikes Bauglied, das zunächst in der frühchristlichen und byzantinischen Sakralarchitektur entwickelt worden ist und hauptsächlich in Italien beheimatet ist. Im weitesten Sinne könnte man im Deutschen sagen, dass es sich beim tiburio um eine besondere Art des Vierungsturms handelt. Da es ihn allerdings auch ohne Vierung gibt, hinkt dieser deutsche Begriff. In Italien wird der tiburio als ein Bauteil definiert, das eine Kuppel umfasst bzw. umfängt, um diese zu schützen. Allerdings geht der tiburio über eine bloße Ummantelung oder Eindeckung hinaus. Vielmehr ist er ein konstruktiv eigenständiger Aufbau, der sich nicht auf der Kuppel abstützt. Diese konstruktive Eigenständigkeit ist das wesentliche Merkmal eines tiburio. Im Grundriss kann er sowohl rund als auch polygonal sein, als Baukörper indes zylindrisch, kubisch oder prismatisch. Für gewöhnlich ist der tiburio mit einem geneigten Dach gedeckt und mit einer Laterne bekrönt. Als Beispiele für einen tiburio gelten v.a. der turmartige Kuppelüberbau des Klosters Chiaravalle in Mailand sowie der doppelstöckige tiburio von S. Maria delle Grazie in Mailand. Weitere historische Vorbilder sind S. Maria presso San Celso und Sant’Ambrogio in Mailand, Albertis SS. Annunziata sowie das Baptisterium in Florenz, aber auch S. Vitale in Ravenna sowie S. Costanza und Sant’Ivo della Sapienza in Rom. Am weitesten verbreitet ist diese Form des Aufbaus in der lombardischen Romanik und den von ihr inspirierten Kirchenbauten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wobei das ursprünglich gemauerte Bauteil im frühen 20. Jh. häufig mit Beton nachempfunden wird.

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