Nicht Du Brutus! oder die Geburt des Sichtbetons

Saverio Busiri Vici: Mehrzeckgebäude im Viale Ionio, Rom (1972). Foto: Busiri Vici 1979.

Bekanntlich soll Alison Smithson ihren Mann stets Brutus gerufen haben, – jedenfalls hat das Architektenehepaar wesentlich zur Habilitierung des sichtbar belassenen Betons beigetragen. Während es zu Beginn des 20. Jh. noch als eine Streitfrage galt, ob man mit den traditionellen Materialien oder mit Stahlbeton, Stahl und Glas bauen solle, avancierte der praktische und ökonomische Baustoff allmählich zum Gestaltungsmittel. Dabei spielt diese Entwicklung mit dem prusitischen Drang nach Offenlegung der Konstruktion und der Installationen zusammen, wie sie von Le Corbusier schon in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung (1927) experimentiert und später in der Unité d’Habitation (1945-52) so mustergültig zelebriert worden ist.  Ein paar Jahre später betonen Alison und Peter Smithson mit der Hunstanton School (1949-54) in Norfolk die technisch-konstruktiven Apsekte moderner Architektur, indem sie die Stahlkonstruktion offenlegen. Zunächst glaubte man, diese neue Spielart der Architektur sei vor allem auf die Verwendung des bis heute im Volksmund als hässlich verschrieenen Betons, also des béton brut, zurückzuführen. Tatsächlich bezieht sich der Brutalismus der 1950er und 1960er Jahre vornehmlich auf die Haltung des Architekten, der nach kompromissloser Zurschaustellung von Konstrutktion und Material drängt. Mit ihm wird definitiv das Kapitel der dekorativistischen Architektur, wie sie über Jahrhunderte das Baugeschehen geprägt und am Übergang vom 19. zum 20. Jh. im Historismus und Eklektizismus so erbärmliche Blüten getrieben hat.

Der Brutalismus eröffnet die Chancen des Materials als Gestaltungselement erster Ordnung. Von hier an bahnen sich neue Ansätze im Umgang mit tradierten Materialien wie Ziegel und Lehm aber auch mit den Materialien des 20. Jh. Stahlbeton, stahl und Glas bis in die heutige Zeit den Weg. Vor allem der Sichtbeton, der wie kaum ein anderer Baustoff in der Öffentlichkeit negativ konnotiert wird, gibt Möglichkeiten einer poetischen Redefinition baulicher Texturen und verleiht der Idee einer elementaren, archaischen Architektur Ausdruck. Natürlich hat der exzessive Formulierungsdrang der 1960er und 1970er Jahre in vielen Städten Gebäude hervorgebracht, die dem heutigen Betrachter kaum noch verständlich erscheinen können. So etwa Saverio Busiri Vicis Mehrzeckgebäude im Viale Ionio in Rom (s. Abb.). Andererseits gilt es zu bedenken, dass sie in ihrer Zeit eine neuartige Auffassung im Umgang mit Material und Konstruktion zum Ziel hatten. Diese bietet wiederum für die heutige Zeit die notwendigen Grundlagen, um zu einer neuen Poesie der Reduktion zu gelangen; wo das nackte Material und die Logik der Konstruktion den Charme einer Architektur ausmachen können, in der sich die Vielfalt unserer Lebenswelt und der vom Menschen gemodelten Natur wie in einem Kaleidoskop bricht. Was daraus erwachsen kann, zeigt der jüngst mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnete chinesische Architekt Wang Shu , dessen Gebäude mit ihrem Umfeld zu verschmelzen scheinen und dabei die suggestiven Kräfte eines Ortes, einer Kultur hervorzuspülen vermögen.

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