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Gae Aulenti: Architektin des Neoliberty

1. November 2012

Gaetana ‚Gae ‚Aulenti (1927-2012) gehörte zu den wenigen Frauen unter den Architekten, die seit den 1950er Jahren maßgeblich an der Modernisierung der italienischen Architektur mitgewirkt haben. Dabei vertrat sie immer den Standpunkt eines reflektierenden Umgangs mit den tradierten architektonischen Werten. Ihre Werke, zu denen zahlreiche Renovierungen und Neuordnungen baugeschichtlich bedeutsamer Ensembles gehören (z.B. Castello Estense in Ferrara), führen den Ansatz des ambientalismo fort, also der behutsamen Anpassung an das gebaute Umfeld, ohne jedoch zeitgemäße Einflüsse auszublenden. Als Gegenpol zum Rationalismus, der von einflussreichen Architekturhistorikern wie etwa Bruno Zevi zum Kardinalweg erhoben worden ist, gehörte sie der Strömung des Neoliberty an. Damit vertrat sie eine architektonische Tendenz, die sich auf die in Italien ohnehin nur sehr schwach ausgeprägte Tradition des Jugendstils (Stile Liberty) berief. Stilistisch drückt sich dies vor allem auch in ihrer Vorliebe für florale Motive aus. Sie selbst bekannte ihre Auffassung wonach jede Architektur in engster Verbindung zum städetbaulichen Kontext stehen müsse, ja dass dieser sogar die Architektur erzeuge.  Es ging ihr dabei darum, die Vielfalt der urbanen Realität in den begrenzten Raum einer Architektur zu übertragen. Entsprechend beschäftigte sie sich hauptsächlich mit Umbauten, Renovierungen und Neuordnungen sowie städtebaulichen Projekten der urbanen Requalifikation. Ihre Entwürfe waren, wie Giorgio Napolitano bemerkte, geprägt von großer Sensibilität für das Vorgefundene. Für die in Italien allgegenwärtigen Fragen des recupero und des restauro hat sie wichtige Beiträge geleistet.

Als Mitarbeiterin in Ernesto Nathan Rogers Casabella-Continuità gehörte sie zur legendären Redaktion, der auch Aldo Rossi und andere Protagonisten der italienischen Architekturdebatte in jungen Jahren angehörten. Zudem war sie Lehrstuhlassistentin Giuseppe Samonàs in Venedig (IUAV) und anschließend bei Rogers am Polytechnikum in Mailand.

Zu ihren wichtigsten Werken gehören die Ausstattung des Musée d’Orsay in Paris (1986), der Umbau des Palazzo Grassi in Venedig (1986) und der Neubau des italienischen Kulturinstituts in Tokyo (2006). Außerdem war Gae Aulenti auch als Möbeldesignerin tätig. Ihre bekanntesten Werke sind die Sedia da Giardino (1964) und ein Glastisch mit Rollen (1980). Als Künstlerin entwarf sie unter anderem die Skulptur Ago, Filo e Nodo (2000) für den Piazzale Cadorna in Mailand.

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