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Architektur im Zeitalter des Renderings

4. Mai 2013

Grundprinzip der Architektur sind seit Jahrtausenden die Integration von Raum, Funktion, Konstruktion, menschlichem Maß und umgebender Landschaft. Das Fördern der Wahrnehmung, des Erlebens, wie etwa im Gewahrsein der Tages- und Jahreszeiten, der Sinn für Proportionen, ja auch Demut und Respekt sind Werte einer wahrhaften Architektur. Wie kann aber eine Architektur der Prinzipien weitergegeben werden, wenn sie im digitalen Zeitalter zunehmend zum Objektdesign einer immer größer werden Heerschar von Bilderproduzenten wird, die sich selbst anmaßend Architekten nennt?

Was sich in vielen prominenten aber auch alltäglichen Projekten und Bauwerken beobachten lässt, ist die Desintegration dessen, was Architektur begründet. Damit verbunden ist die Entfremdung vom angemessenen Umgang mit den Rohstoffen der Architektur: menschliches Maß, Materialität, Landschaft, etc. sind hinweggeschwemmt von der Geilheit computergestützter Designs, in denen Szenarien zusammengebastelt werden, die einem Computerspiel entsprungen zu sein scheinen. Dass Architektur zunehmend über gestylte Renderings kommuniziert wird, anstatt in der Abstraktion, aber auch Exaktheit der Pläne dem Imaginativen freien Lauf zu lassen, zeugt von der Trostlosigkeit einer nur noch sogenannten Architektur. Die Beziehung des Architekturschaffenden zum Material seiner Arbeit geht verloren, schon in der Kinderstube der Architekten macht sich die smarte Designwelt breit.

Dieser Bilderwelt an Imaginärem fehlt es an Sinn, an Leidenschaft, am Geruch des Papiers und der Tinte, des Steins und feuchten Betons; spätestens der unbarmherzige Spülgang durch den elektronischen Kasten pervertiert den architektonischen Gedanken, den manch einer sogar noch hervorzubringen vermag, in eine ephemere Abbildung ohne Ethos und Glaubwürdigkeit, nur auf den schnellen Eindruck, die Überwältigungsmacht schockhafter Dramatik und die Schnelllebigkeit setzend, wie die Geschwindigkeit im zeitgenössischen Film, die über die handwerklichen Patzer so selbstsicher hinwegtäuscht. Die heutige Architekturproduktion gleicht in vielem einem billigen Actionfilm, auf rasche Effekte fokussiert, spielt sie mit der Natur und dem Wesen der Dinge, verrät sie, stampft sie in den Boden, ignoriert sie, desintegriert die Architektur, die zumal zur Dienstleistungssparte des Baugewerbes verkommen auch kaum noch anderes verdient.

Die allgemeine Tendenz, sich mit Werken der Architektur nur oder vorwiegend in Form von Abbildungen  auseinanderzusetzen und sie als Images von Objekten zu konzipieren steht dem Wesen der Architektur entgegen; das Bewohnen, das Erleben, ja das Reflektieren einer Bauaufgabe als gestalterischen Akt, der Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für das Stattfinden menschlichen Lebens schaffen soll, stehen am Beginn jeglicher Architektur. Und nur so ließe sich der enorme Flächen- und Volumenverbrauch rechtfertigen, mit dem der Mensch die Erde ‚zivilisiert‘. Eine Bauaufgabe erhält ihre ethische Legitimation nur, indem sie zum Träger einer kulturellen Botschaft wird. Architektur muss ernst gemeint sein und darf unter keinen Umständen auf dem Altar des Styles dem objektbezogenen Denken einer materiellen Welt geopfert werden. Es bedarf eines neuen Humanismus in der Architektur, oder weiter gefasst, – einer neuen Moral des Bauens.

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