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Bretterbude mit Kreuz in Braunsbach

15. Mai 2013

Eine Autobahnkapelle ist eine hehre Aufgabe, insbesondere in einer Zeit, da Pfarrkirchen massenweise zu Sporthallen und allerhand anderen profanen Zwecken umgenutzt werden. Die jüngere Architekturgeschichte ist reich an Beispielen, wie etwa Giovanni Micheluccis meisterhafte Autobahnkirche in Campi Bisenzio bei Florenz oder den von grünlich gebrochenem Licht durchfluteten Andachtsraum an der Gotthard-Raststätte. Während beide Bauwerke dem Moment des Zusammenkommens Ausdruck verleihen und zugleich die charakteristische Kontur der Landschaft aufgreifen, sucht man im Entwurf für die Autobahnkapelle in Braunsbach vergeblich nach räumlichen und expressiven Qualitäten, die dem kontemplativen Verweilen, ja der Ruhe und Andacht nicht nur symbolisch sondern auch atmosphärisch Rechnung tragen würden. Das Thema der Lichtführung, das unabdingbar ist für eine mystische Raumerfahrung, wird mit schematischen Fensterbändern und einer emotionslos überdimensionierten Überkopfverglasung nur noch bewältigt; und auch der Bezug zum Umland wird auf eine kindlich-assoziative Anspielung reduziert.

Im vorliegenden Entwurf wurde eine Sprache angeschlagen, die im Grunde die Sprache der Fertighäuser oder Kreissparkassen auf einen sakralen Raumzusammenhang überträgt. Abgesehen von der Materialität sind die beiden senkrechten Fenster am Altarraum und die senkrechten Fenster im Vorbereich hinreichende Belege für diese unangemessene Analogie. Ferner ist die Belichtung, neben dem Baustoff das wichtigste raumbildende Element der Architektur, ohne Spannung umgesetzt. Von Inszenierung kann nicht gesprochen werden, auch wenn das gut gemeinte Fensterband zum Altarraum hin aufsteigt. Der Grundriss ist zwar funktional schlüssig, aber wegen der schematischen Fischgeometrie diesem Bild und den sich daraus ergebenden Zwängen allzu sehr untergeordnet. So degradiert der Moment des Zugangs, also jenes Element, das seit jeher ein zentrales Thema im Kirchenbau darstellt, weil es den Übergang von der weltlichen in die sakrale Sphäre markiert, zu einem Raum, der sich als Rest des ‚Fischschwanzes‘ ergibt. Die Anlage eines Abstellraumes(!) zwischen Sakristei und Sakralraum ist – gelinde gesagt – unglücklich. Zwar kann der gerundeten Wand des Eingangsbereichs und der als Wegteiler vorangestellten Rundbank mit Baum eine gewisse Qualität hinsichtlich der Wegeführung zuerkannt werden, aber diese wird von der Beiläufigkeit der eigentlichen Eingangsgestaltung aufgewogen. Dass der Besucher dann von einer Info-Theke begrüßt wird, wo beispielsweise in katholischen Kirchen meist ein Weihwasserbecken steht, rundet das insgesamt fragwürdige Bild dieses Sakralbaues ab. Dabei hätte, wie ich im Leserbrief bereits angedeutet habe, ein einfacher, geometrisch schlichter Raum von vielleicht kleineren Ausmaßen mit bewusster gewählten Materialien, einer weniger schematischen Ausrichtung beziehungsweise adaptiven Gestaltung und mit einer sensibleren Einbeziehung des Lichts dem Ziel, einen würdigen, erhabenen aber zugleich auch bescheidenen Ort der Einkehr und des Gebets zu realisieren, eher entsprochen.

Luigi Monzo: Sekundenskizze für eine Autobahnkapelle, 2013.

Luigi Monzo: Sekundenskizze für eine Autobahnkapelle, 2013.

Das gesamte Konzept verrät die prekäre Abwesenheit eines architektonischen Begriffs des Sakralen, der auch nur ansatzweise die Errungenschaften jahrhundertelanger Sakralbauerfahrung reflektieren würde, – ganz zu schweigen von den Leistungen der jüngeren Kirchenbaugeschichte. Ein Fisch soll es sein, als wäre er gerade aus dem Kocher gehüpft; mit Fischmaul und Fischschwanz, Gräten, etc. erinnert das Gebilde aus leidenschaftslos kombiniertem Beton und Holz vielmehr an eine adaptierte Kreisparkassenfiliale denn an einen Sakralbau. Dabei haben Architekten wie Peter Zumthor und Mario Botta, die nun wahrlich keine Geheimtipps mehr sind, bereits gezeigt, wie das Thema der kleinen Andachtskapelle mit geometrisch einfachen aber erhaben körperbetonten Mitteln gelöst werden kann. Oft braucht es nicht mehr als ein Gefühl für Spannung, Proportion und Plastizität und einen Sinn für die Nobilität einfacher und weniger Materialien sowie deren Fügung, um eine weit wirkungsvollere und erhabenere Raumerfahrung hervorzubringen, als dies die triviale Adaption eines Bildes, zumal im Duktus der grassierenden Niedrigenergie-Bauweise, je erreichen könnte. Schade, dass sich der angestrebte Aha-Effekt auf eine teure Bretterbude mit Kreuz bezieht. Wie viel mehr die Architektur hätte bieten können, bleibt nur noch zu erahnen.

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