Am Ursprung des Kirchenbaus – eine Skizze

Die Geschichte des Kirchenbaus ist in der Tat sehr eng mit dem Symbol des Fisches verknüpft. Es waren die ersten Gemeinden, die sich, noch auf der Hut vor den römischen Häschern, im Geheimen treffen mussten. Meist waren es die Räume in den privaten Unterkünften der Gläubigen, in denen sich die frühen Christen zusammenfanden. So ist denn auch der erste überlieferte Kirchenbau die Hauskirche von Dura Europos (Syrien). Im Typus der Hauskirche vollzog sich bereits das Wesen christlicher Gemeinschaft, das ganz im Sinne Jesu das Zusammenkommen der Gläubigen an einem beliebigen Ort meinte und für das der Fisch zu den allerersten Sinnbildern gehörte. Folglich braucht es dem Wesen nach kaum mehr als einen Ort, es muss nicht einmal ein umbauter Raum sein, um jene Gemeinschaft zu verwirklichen, die Jesus mit den Worten meinte: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Und dennoch hat sich eine Entwicklung des Kirchenbaus ereignet, die ihn zu einer der kulturell bedeutensten und einflussreichsten Bautypen hat werden lassen.

In Bezug auf die Einfachheit, mit der Jesus selbst den ersten Gläubigen ein bescheidenes und auf Gott ausgerichtetes Leben vorgelebt hat, ergibt sich zunächst ein Widerspruch zu dem, was wir heute als Kirchenbautradition anerkennen. Tatsächlich hat sich der liturgische Raum weit weg von dieser Urgemeinschaft entwickelt und zuweilen auch entfremdet. Die dem Prozess der Kirchenbautradition vorausgehende Entwicklung ist in der Offizialisierung des christlichen Glaubens im Zuge der Mailänder Vereinbarung von 313 n.Chr. zu suchen. Indem die christliche Religion unter Kaiser Konstantin und seinen Nachfolgern als Staatsreligion anerkannt und etabliert wurde, trat das sie vom elementaren, aber auch geheimen Umfeld der Hauskirche in einen repräsentativen Raum. Das heißt, in dem Moment, da das Christentum offiziell anerkannt wurde, die Verfolgungen aufhörten, gewann auch das architektonische Moment der Repräsentanz des Glaubens und seiner Liturgie erstmals an durchschlagender Bedeutung für den christlich-liturgischen Raum. Daher auch die Anleihen bei der profanen Architektur der Römer (die klerikale Basilika entwickelt sich aus den Basilika genannten Forumsbauten der Römer) bzw. die Umwidmung römischer Sakralbauten, wie etwa den Tempeln (Beispiel Nîmes) oder der frühchristlichen Zentralbaukirchen wie S. Costanza und S. Sebastiano in Rom oder die herrlichen Bauwerke in Ravenna.

Dass die Gläubigen zudem die Fertigkeiten des Menschen auszuschöpfen suchen, um Gott und dem Christentum würdige Gebäude zu errichten, verwundert vor diesem Hintergrund nicht und liegt angesichts der menschlichen Natur nahe. Jedenfalls löste sich von da an der Kirchenbau zunehmend vom Wesen der urchristlichen Gemeinschaft, bis er als kunstvoller Raumbehälter mitunter erstarrter Kultformen im Pomp des Barock und Rokoko, den Wirrungen des Historismus und schließlich der technoiden Architektur unserer Zeit aufgeht. Kunstvoll, ja meisterlich aber mitnichten immer der Botschaft des Christentums gerecht werdend (man denke nur an den Widerspruch des Petersdoms, der sich aus dessen Finanzierung durch den Ablasshandel ergibt, oder den überbordenden Formenspielen, die alles andere als franziskanische Bescheidenheit wiederspiegeln). Was aber als Konstante bleibt, ist, dass ein liturgischer Raum über den funktionalen Selbstzweck hinausgehen muss, indem er durch die Erhabenheit der Raumatmosphäre dem grundlegenden Erlebnis der Liturgie durch die Glaubensgemeinschaft verpflichtet bleibt, er muss der Transzendenz des Glaubens einen architektonischen Ausdruck verleihen, um zum einen die Kirche und die Gemeinschaft der Gläubigen im öffentlichen Raum zu repräsentieren, um zu zeigen, hier sind wir, kommt alle zu uns die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt…, und um den Gläubigen in seiner Stimmung der Glaubenserfahrung im Gebet, der Einkehr und dem Gottesdienst näher zu bringen. Betrachtet man diese Faktoren nicht als bestimmend, macht Sakralarchitektur keinen Sinn, denn sie muss sich in ihrer Atmosphäre (wohlgemerkt nicht der Form) auf dieses Urbild der Kirche, das Wesen der Hauskirchen, der frühchristlichen und romanischen Kirchen beziehen, insbesondere um sich in der heutigen Zeit tatsächlich als ein Ort der Einkehr behaupten zu können.

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