Wie ein steinerner Bug – 90 Jahre Chilehaus in Hamburg

Fritz Höger: Chilehaus, Hamburg, 1922-24. Ansicht vom Deichtorplatz.

Fritz Höger: Chilehaus, Hamburg, 1922-24. Ansicht vom Deichtorplatz.

Vor 90 Jahren wurde Fritz Högers Chilehaus in Hamburg eröffnet. Der gelernte Zimmermann hatte ein dramatisch-ausdrucksstarkes Gebäude entworfen, das zum Sinnbild einer Epoche geworden ist. Auf einem schwierigen, spitz zulaufenden Grundstück nahe der Speicherstadt schuf er einen ebenso eleganten wie spannenden Ozeandampfer aus Ziegelstein. Mit seinem spitzen, von einem steinernen Andenkondor gezierten Bug schiebt sich das Gebäude in die Hamburger Altstadt. Charakteristisch ist der virtuose Gebrauch des ortstypischen Klinkers, von dem Höger bewusst nur Steine zweiter oder dritter Wahl aussuchte, um dem Bauwerk eine unebenere, rauere und damit auch lebendigere Oberfläche zu verleihen. Das von Höger für den in Chile zu Vermögen gekommenen Salpeterhändler Henry Brarens Sloman errichtete Bürogebäude ist Ausdruck einer expressiven Traditionsverbundenheit. Es stellt den geglückten und weithin Einfluss ausübenden Versuch dar, der an Fahrt gewinnenden radikalen Moderne eine Architektursprache entgegenzusetzen, die in den Bautraditionen der Region verankert bleibt. Högers Verständnis von der Baukunst als einer in der Beherrschung des Handwerks fußenden künstlerischen Ausdrucksform findet in dem in der Anlage an Burnhams Flatiron-Building (1902) erinnernden Bauwerk mustergültigen Eindruck und wird prägend für seine späteren Arbeiten wie das Reemtsma-Gebäude in Hamburg-Wandsbek oder das Anzeiger-Hochhaus in Hannover.

Fritz Höger: Chilehaus, Hamburg, 1922-24. Ansicht vom Dovenfleet.

Fritz Höger: Chilehaus, Hamburg, 1922-24. Ansicht vom Dovenfleet.

Der Kontrast der aufschießenden, teilweise in sich gedrehten Fassadenrippen zu den gebogenen Balkongesimsen der Staffelgeschosse verleiht mit beeindruckender Beschwingtheit dem Sinnbild der Hafenstadt Ausdruck. Der Detailreichtum, der von aufwendigen Formspielen über den Eingängen bis zur rundbogigen Fensterreihe am oberen Gebäudeabschluss reicht, sind das Zeugnis einer überzeugenden Verbindung von Tradition und Moderne. Eingebettet in die architektonische Vielfalt der Weimarer Zeit ist sie sogleich Ausdruck einer kulturgeschichtlichen Übergangsepoche.

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