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Würde durch Architektur

24. Juni 2014 Kommentare aus
Giancarlo Mazzanti: Parque Biblioteca Espana, Medellín (2008). Quelle: Wikipedia, CC.

Giancarlo Mazzanti: Parque Biblioteca Espana, Medellín (2008). Quelle: Wikipedia, CC.

Medellín, bislang mehr berüchtigt als geschätzt, birgt architektonische Schätze, die geradezu sinnbildlich für den Weg der Stadt aus den düsteren Schatten der Vergangenheit stehen. Sie sind aber nicht nur Glanzmomente zeitgenössischen Bauens; wie Aníbal Gaviria – seit 2012 Bürgermeister der Stadt – versichert, sind sie Ausdruck eines Versprechens auf mehr Menschlichkeit.

Grundsätzlich betrachtet, ist es gelungen, mit einem einfachen Axiom eine Wiedergeburt zu initiieren, die auch auf das Potenzial guter Architektur setzt, mehr als künstlerische und bautechnische Höchstleistung zu sein, sondern als echtes ‚Kulturgut‘ einen Grundwert an Würde auszudrücken. Zwar kann Architektur nur bis zu einem gewissen Punkt in die Lebenswelten der Menschen eingreifen, doch sie kann dies im Guten oder im Schlechten tun. Der Ansatz Gavirias, die schönsten – wie er sagt – und anspruchsvollsten neuen Bauwerke in den heruntergekommensten und armseligsten Vierteln der einstigen Drogenhochburg zu errichten, scheint aufzugehen: Sie verleihen ansonsten vernachlässigten Gegenden und vor allem den Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, ein Moment der Teilhabe. Als Primärelemente tragen sie wesentlich dazu bei, dass Medellín in jeder Hinsicht aufgewertet wird.

Als innovativste Stadt des Jahres vom Urban Land Institute ausgezeichnet, setzt man inzwischen auf die Synergien des Kontrasts; so steht den Bewohnern eines Slums inmitten der Baracken endlich ein moderner Aufzug zu Verfügung, um die beträchtlichen Höhenunterschiede in der Topografie der zweitgrößten Stadt Kolumbiens auszugleichen. Zwar hat man, wie das Beispiel des Aufzugs zeigt, keine für sich genommen überaus innovativen Bauwerke in Angriff genommen, aber die Art und Weise wie sie platziert werden, die Verknüpfung mit der stadtsoziologischen Wirklichkeit der Stadt ist überaus innovativ und erfolgversprechend. Der frühere Bürgermeister der Stadt, Sergio Fajardo, bezeichnet dies als urban acupuncture, die wesentlich zur Rückeroberung der von den Kartellen beherrschten Stadtteile beigetragen habe.

Oriol Bohigas: Centro cultural, Medellín. Quelle: Wikipedia, CC.

Oriol Bohigas: Centro cultural, Medellín. Quelle: Wikipedia, CC.

Maßgeblich beteiligt am Konzept für ein neues Medellín ist der italienische Architekt Francesco Orsini. Er zeichnete zum Beispiel verantwortlich für die Stadtplanung des Parks der Bibliotheken, in dem sich unter anderem die von Giancarlo Mazzanti entworfene Biblioteca Espana und die Bibliothek Leon de Greiff befinden. Sie bilden den Kern eines ambitionierten Park des Wissens im Herzen jenes Quartiers, in dem Pablo Escobar einst seine Mörderschwadronen rekrutierte.

Im heutigen Medellín ist es erklärtes Ziel, Orten eine Würde zu geben, die sie bislang nicht besaßen. Dabei verfolgen die Verantwortlichen eine Strategie, die bereits in den 1990er Jahren erfolgreich von Leoluca Orlando in einer anderen Mafiahochburg – Palermo – erfolgreich umgesetzt worden ist, indem bürgerschaftliches Engagement, Bildungsarbeit und Revalorisierung des Bauerbes miteinander verknüpft worden sind.

Durch die bauliche und kulturelle Wertschöpfung mit keineswegs exklusiven Mitteln, wie beispielsweise Infrastrukturbauten oder Primärelemente, wird eine Qualität der Architektur und Stadtplanung für die Zukunft der Stadt genutzt, die andernorts viel zu oft auf dem Altar des schicken Designs geopfert wird. Es geht um Würde ja, aber auch Stolz, den Architektur in den Menschen freisetzen kann, die von ihr profitieren. Dieses soziale Ermöglichen ist ein Grundwert der Architektur. Zwar ist die Mordrate in Medellín um 80% gesunken, doch ist sie weiterhin besorgniserregend hoch und auch die Armut konnte bislang nicht in breitem Maßstab bekämpft werden, doch regen sich kräftige Potenziale, neues Unternehmertum und kreative Ideen, die ein verheißungsvolles Gefühl des Optimismus in der Stadt versprühen. Möglicherweise ist diese geplagte Stadt auf dem richtigen Weg, und wenn sie es ist, dann hat die Architektur sicherlich Anteil daran.