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Archive for the ‘Architekturgeschichte’ Category

croci e fasci – Der italienische Kirchenbau in der Zeit des Faschismus, 1919-1945

14. Juli 2017 Kommentare aus

Croci Fasci cover rz_grau_klBreit angelegte Studie zum italienischen Kirchenbau in der Zeit des Faschismus

Die Zeit von 1919 bis 1945 war in Italien geprägt vom politischen und gesellschaftlichen Ringen um eine neue Ordnung. Dabei erwies sich die Herrschaftspraxis des von Mussolini 1922 installierten faschistischen Regimes als Metrum der Entwicklungen. Trotz seiner heterogenen Ideologie gelang dem mussolinischen Faschismus jedoch die Etablierung und Konsolidierung einer neuen Wirklichkeit, zu der auch die Verständigung mit der katholischen Kirche gehört. Diese Verständigung schuf wiederum die Voraussetzungen für eine im italienischen Einheitsstaat bislang beispiellose kirchenbauliche Expansion. Zugleich war die Auseinandersetzung mit den Fragen einer zeitgemäßen repräsentativen Architektur sowohl dem Regime als auch der Kirche gemein. Im Spannungsfeld erhitzter Debatten, progressiver und traditionsverbundener Denkweisen, entfaltete sich die wechselvolle Geschichte der Suche nach einem neuen, der Lebenswirklichkeit des 20. Jahrhunderts angemessenen katholischen Kirchenbau. Unter dem begünstigenden Eindruck der faschistischen Architekturpolitik profitierte die kirchenbauliche Entwicklung von der Neuausrichtung der architektonischen Gemengelage, so dass sich schließlich ein Kirchenbau verfestigte, der die typische Verlustempfindlichkeit der Kirche überwinden konnte und heute als Mittler zwischen der Kontinuität jahrhundertealter Traditionen und dem liturgisch motivierten Aufbruch der 1950er und 1960er Jahre gelesen werden kann.

Die vorliegende Arbeit eröffnet und analysiert ein Panorama, das ausgehend von den historischen Voraussetzungen im komplizierten Verhältnis von katholischer Kirche und italienischem Staat über die architekturpolitische Entwicklung im faschistischen Italien zur differenzierten Untersuchung kirchenbaulicher Phänomene in ganz Italien führt.

Luigi Monzo: croci e fasci – Der italienische Kirchenbau in der Zeit des Faschismus, 1919-1945. 2 Bde. Karlsruhe 2017 (Dissertation Karlsruher Institut für Technologie). 1.050+445 Seiten, 1.890 sw-Abb. DOI(KIT): 10.5445/IR/1000071873.

https://publikationen.bibliothek.kit.edu/1000071873

Neue Sichtweisen auf das Werk von Frei Otto

22. Oktober 2016 Kommentare aus

Am 4. November 2016 eröffnet im ZKM Karlsruhe eine große Ausstellung auf den im März 2015 verstorbenen Architekten Frei Otto. Die von Georg Vrachliotis kuratierte Schau wird auf der Grundlage des im Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) bewahrten Nachlasses einen fundierten Blick auf einen der international renommiertesten und innovativsten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts richten.

Anhand von über 200 Modellen, Objekten, Werkzeugen und Instrumenten, über 1.000 Fotos, Zeichnungen, Skizzen, Plänen und Filmen sowie mehreren medientechnische Großprojektionen werden neue Sichtweisen auf das Werk von Frei Otto vermittelt und neue Fragestellungen zur Zukunft der gebauten Umwelt zwischen Architektur, Technologie, Nachhaltigkeit und Gesellschaft aufgeworfen.

Frei Otto. Denken in Modellen.

5. November 2016 bis 12. März 2017, ZKM Karlsruhe.

Eröffnung am 4. November 2016, 19.00 Uhr im Foyer des ZKM, mit Beiträgen von Holger Hanselka, Christiane Riedel, Philip Kurz und Georg Vrachliotis.

Architektur während des Faschismus im Italien der 1930er Jahre

22. Oktober 2016 Kommentare aus
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Marcello Piacentini: Rektoratsgebäude der Universität Rom, 1932-35.

Vorträge zur Architektur im Faschismus im Rahmen der Veranstaltungsreihe ‚ifag um sieben‘ an der Universität Stuttgart.

 

14. November 2016
Klaus Tragbar, Innsbruck
Architektur und Städtebau im Faschismus. Personen, Projekte, Positionen.

 

12. Dezember 2016
Daniela Spiegel, Weimar
Erschreckend gut, erschreckend schön. Stadtgründungen des italienischen Faschismus als architekturhistorisches Faszinosum.

 

30. Januar 2017
Luigi Monzo, Schwäbisch Hall/Karlsruhe
Widerstand oder Anpassung? Der italienische Kirchenbau in der Zeit des Faschismus.

 

ifag um sieben, immer montags, K1 Keplerstr. 11, Raum 1.08
19:00 Uhr

 

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Marcello Piacentini urbanista

20. Dezember 2015 Kommentare aus

Beese_Piacentini Studie zum städtebaulichen Werk Marcello Piacentinis

Mit der Publikation ihrer 2014 an der Technischen Universität Dortmund vorgelegten Doktorarbeit „Neue Horizonte im Städtebau“ – Die Form der Stadt bei Marcello Piacentini (1881-1960) präsentiert die Berliner Kunsthistorikerin Christine Beese die erste umfangreiche Studie zum vielfältigen städtebaulichen Werk des faschistischen Regimearchitekten Marcello Piacentini. Die Verfasserin untersucht das Wirken anhand des beruflichen und intellektuellen Werdegangs am Übergang zwischen langem 19. und kurzem 20. Jahrundert und zieht dabei auch Vergleiche und Verbindungslinien zum europäischen Architekturgeschehen der Zeit. Über die Entwicklung und Etablierung der städtebaulichen Disziplin, die Erprobung städtebaulicher und architektonischer Leitgedanken im Ausbau Roms zur Kapitale des Faschismus, führt die mit Archivmaterial reich illustrierte Analyse schließlich zur typologisch strukturierten Veranschaulichung eines wegweisenden Beitrags zur italienischen Stadtgestaltung.

Eine ausführliche wissenschaftliche Besprechung des Buches liegt bereits vor und wird 2016/2017 in der architectura – Zeitschrift für Geschichte der Baukunst – Journal of the History of Architecture erscheinen.

Christine Beese: Marcello Piacentini. Moderner Städtebau in Italien. Reimer-Verlag, Berlin 2016. 624 Seiten, 11 farb- und 241 sw-Abb. ISBN: 9783496015468.

Friedrich Weinbrenner – Meister des Klassizismus in Karlsruhe

25. Juni 2015 Kommentare aus
Längsschnitt und Seitenansicht | unsigniert, undatiert (Friedrich Weinbrenner, 1792/97) | Tusche, Aquarellfarben auf Papier, 60,4 × 92,6 cm | KIT, Südwestdeutsches Archiv für Architektur und Ingenieurbau, Weinbrenner 13

Idealentwurf für ein Ballhaus, 1792/97.

In Untermünkheim erinnern heute eine Straße und eine Festhalle an den Zimmermann und Baumeister Johann Friedrich Weinbrenner. In der ganzen Region finden sich Spuren seines handwerklichen Könnens, das zugleich als große familiäre Tradition auf das Werk seines berühmten Enkels Friedrich Weinbrenner verweist, den Baumeister Karlsruhes und einen der Wegbereiter des Klassizismus in Deutschland.

Am Ende des Barock

In diesem Jahr feiert mit Karlsruhe eine vergleichsweise junge Stadt ihren dreihundertsten Geburtstag. Von Markgraf Karl Wilhelm als Residenz gegründet, sollte sie die Befreiung von der Enge mittelalterlicher Burgen in die Gestalt einer offenen Stadt übersetzen. Ohne Mauern, stattdessen mit einem vom neuen Residenzschloss betonten fächerförmigen Stadtgrundriss, entstand hier das ideale Beispiel einer barocken Fürstenstadt; als monumentale Auswirkung des Zentralstadtgedankens wurde sie rasch zur reinsten Verkörperung des Absolutismus in Deutschland. Kaum hundert Jahre später erfuhr sie jedoch eine tiefgreifende Wandlung: Infolge von Aufklärung und Revolution und unter dem Eindruck der entstehenden Industriegesellschaft nahm die Stadtentwicklung einen anderen Lauf. War Karlsruhe am Ausgang des 18. Jahrhunderts mit knapp 8.000 Einwohnern noch eine sehr kleine Residenzstadt, so verzeichnete es bereits 1815 annähernd doppelt so viele Bewohner. Mit der damit zusammenhängenden Veränderung der Sozialstruktur änderte sich auch das Erscheinungsbild der inzwischen zur Hauptstadt eines Großherzogtums aufgestiegenen Stadt. Nicht mehr die Darstellung einer von Gott gegebenen irdischen Macht stand im Vordergrund, sondern der Ausbau zu einer für damalige Begriffe durchaus modernen, zunehmend funktionsorientierten Stadt.

Der im Barock verkörperte Wunsch nach Überzeugung durch Überwältigung wich in Karlsruhe schon früh einer an den Bedürfnissen der neuen Bürgergesellschaft ausgerichteten baulichen Entwicklung. Wobei sich dieser Ansatz in einem um Beruhigung und Versachlichung bemühten stilistischen Wandel niederschlug. Noch bevor in München und Berlin durch große Architekten wie von Klenze und Schinkel maßgebliche Veränderungen ins Werk gesetzt werden konnten, war es das eher beschauliche Karlsruhe, dem in der deutschen Stadtplanungs- und Architekturgeschichte des 19. Jahrhunderts eine herausragende Rolle zukommen würde. Dass aus der von Sigismund von Reitzenstein noch als „Gespött ganz Europas“ bezeichneten Ansammlung von Hütten innerhalb von zwanzig Jahren eine klassizistische Vorzeigestadt entstehen konnte, gespickt mit repräsentativen Boulevards und großzügigen Platzanlagen, modernen Kulturbauten sowie nach neuartigen hygienischen Maßstäben errichteten Wohnhäusern, war zu diesem frühen Zeitpunkt vor allem das Verdienst des ehrgeizigen und zugleich sehr geschickt agierenden Architekten Friedrich Weinbrenner.

Evangelische Stadtkirche Karlsruhe, 1808.

Evangelische Stadtkirche Karlsruhe, 1808.

Hohenloher Wurzeln – Dessen Vater Johann Ludwig Weinbrenner, ein aus Untermünkheim stammender Zimmermann, war in den 1750er Jahren wegen der regen Bauaktivität in die badische Stadt gezogen; dort heiratete er die Tochter des markgräflich-badischen Hofzimmermanns und wurde dessen Nachfolger. Weinbrenner brachte eine lange handwerkliche Familientradition in die badische Residenzstadt. Insbesondere der in Geislingen geborene und in Haagen aufgewachsene Johann Friedrich Weinbrenner, der Großvater des Karlsruher Architekten, konnte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Hohenlohe ein vielfältiges Wirken entfalten. So spielte er bei der Planung des Untermünkheimer Kirchenneubaus eine Vorreiterrolle indem er schon früh Pläne für einen dreischiffigen Ausbau der Kilianskirche vorlegte, die allerdings aus Kostengründen nie realisiert wurden. In den Archiven finden sich zudem Pläne zu verschiedenen Baumaßnahmen der Hohenloher Fürsten, die ihm ihre Anerkennung auch mit der Ernennung zum Schultheißen zuteilwerden ließen. An seine Betriebsamkeit erinnern zahlreiche von ihm errichtete Bauwerke. So gehören zu seinen Arbeiten nicht nur das 1759 in Michelbach am Wald errichtete Amtshaus und der Neubau des Untermünkheimer Rathauses, sondern auch ein in der Hessentaler Ortsmitte errichtetes Bauernhaus, das auf eindrückliche Weise die stilistischen Ausläufer der barocken Epoche in einer für den ländlichen Raum eingängigen und zugleich hervorstechenden Qualität zum Ausdruck bringt: Voluten und rokokohaft verzierte Pilaster aus Holz dokumentieren das Geschick des Untermünkheimer Zimmermeisters, aber auch eine Architektursprache, von der sich sein Enkel – in einem freilich veränderten Umfeld – mit beispielgebender Konsequenz abwenden würde.

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Katholische Kirche St. Stephan, Karlsruhe (1807-14).

Baumeister einer neuen Epoche – Der Architekt prominenter Bauwerke wie des Karlsruher Rathauses oder der Evangelischen Stadtkirche unternahm keineswegs zufällig seine ersten beruflichen Schritte als Zimmermann. So gehört zu seinen ältesten Arbeiten der Entwurf für eine komplexe übereck verlaufende Dachstuhlkonstruktion, in der er einen älteren Plan seines Vaters weiterentwickelt hat. In der Schulung seiner Fertigkeiten als Zimmermann, unter anderem konzipiert er doppelte Kuppelkonstruktionen aus Holz, legt er den handwerklichen Grundstock für seine erfolgreiche Architektenlaufbahn. Anders als den meisten zeitgenössischen Baumeistern gelingt es ihm, die praktischen Erfahrungen aus seiner im Alter von 16 Jahren beginnenden verantwortlichen Tätigkeit im elterlichen Betrieb mit einer bemerkenswerten Sensibilität für die sich ändernden Anforderungen an den Zweck und die Ästhetik des Gebauten zu verbinden und dabei eine für die rege Bauaktivität der badischen Hauptstadt wirtschaftliche und zugleich würdevolle Architektursprache zu entwickeln. Als Autodidakt lernt er in Berlin die Architekten Carl Langhans und Hans Christian Genelli kennen, zwei Jahre später reist er zu ausgedehnten Architekturstudien nach Italien, wo er sich das Verständnis antiker Architektur aus eigener Anschauung aneignet. Aus der Verquickung all dieser Erfahrungen, verbunden mit dem beruflichen Ehrgeiz, der ihn schon bald in den Dienst der markgräflichen Bauverwaltung führt und zum großherzoglichen Oberbauinspektor aufsteigen lässt, kann er ein im ganzen deutschsprachigen Raum beachtetes Wirken entfalten. Neben Weinbrenners intensiver Bau- und Planungstätigkeit gehört jedoch auch die Verbreitung seines Architekturverständnisses durch eine eigens konzipierte Lehrtätigkeit. 1800 gründet er hierzu in einem Anbau seines Wohnhauses eine private Bauschule, die wiederum zu einer der Keimzellen der späteren Technischen Hochschule wird, dem heutigen Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Bildquellen: Presse-Kit zur Weinbrenner-Ausstellung der Städtischen Galerie Karlsruhe: Längsschnitt und Seitenansicht | unsigniert, undatiert (Friedrich Weinbrenner, 1792/97) | Tusche, Aquarellfarben auf Papier, 60,4 × 92,6 cm | KIT, Südwestdeutsches Archiv für Architektur und Ingenieurbau, Weinbrenner 13; Perspektivische Ansicht von Südwesten signiert »J Dyckerhoff, 1808« | Bleistift, Tusche, Aquarellfarben auf Papier, aufgezogen auf Karton, 43,4 × 56,6 cm | Stadtarchiv Karlsruhe, 8/PBS XV 1245; Vorentwurf, perspektivische Ansicht der Kirche und der geplanten Nebengebäude im Stadtraum | Schülerzeichnung unsigniert, undatiert | Tusche, Sepia, Aquarellfarben auf Papier, 48,8 × 60,9 cm | KIT, Südwestdeutsches Archiv für Architektur und Ingenieurbau, Weinbrenner 30.

Auf der Suche nach dem einen Raum – die Urhütte

7. November 2014 Kommentare aus
Charles Eisen: Frontispiz zu Laugiers 'Essai sur l'architecture', 1755.

Charles Eisen: Frontispiz zu Laugiers ‚Essai sur l’architecture‘, 1755.

Das Thema ist so alt wie die Geschichte der Architektur, denn es ist das Grundmotiv des Bauens. Auch wenn die Fragestellung nach dem minimalsten Obdach, das der Mensch sich selbst errichten kann, heute inmitten schillernder Bauikonen und leidenschaftsloser Monotonie in Vergessenheit geraten zu sein scheint, birgt sie nach wie vor die Antwort auf die wesentliche Herausforderung der Architektur: Im primordialen Einraum (Tugurium) wird die Komplexität des Bauens auf seine grundlegenden Eigenschaften reduziert; in der Schaffung des einen Raumes liegt das Gebot der Einfachheit und Elementarität, wie es inzwischen von Normen, Ansprüchen und allerhand bauinhärenten aber architekturfernen Faktoren zum Imperativ des Fortschritts geworden ist. Im Zeitalter, da die Reproduzierbarkeit dank digitaler Technik neue Höhen erreicht hat, die Unmittelbarkeit des humanen Empfindens von der Sterilität der Maschine zunehmend verdrängt wird, gleicht der Blick auf die einst vielbeschworene Urhütte einer Lichtung im Dickicht.

Der Jesuitenpriester und Architekturtheoretiker Marc-Antoine Laugier veröffentlichte jedoch bereits 1753 seinen Essai sur l’architecture mit dem er einen Angriff auf die von Geschmacks- und Stilfragen erschöpften Debatten seiner Zeit startete, der gerade heute wieder aktuell erscheint, da er den Blick für die Prinzipien der Vernunft schärft. Dabei ist vor allem die zweite Ausgabe seiner Polemik interessant, da er in ihr den Eifer seiner Kritiker mit der Veröffentlichung eines von Charles Eisen gefertigten und überaus suggestiven Kupferstichs konterte. Das als Frontispiz gewählte Werk zeigt die Muse Architektur auf den Überresten einer ionischen Ordnung ruhend mit einem Zirkel in der linken Hand, während sie mit ihrer Rechten zur primitiven Hütte, einem Gebilde aus Baumstämmen und Ästen weist, so als wolle sie die Aufmerksamkeit von allen bisherigen stilistischen Überlegungen hin zu einer wesentlicheren Auseinandersetzung mit der Architektur lenken. Obwohl diese Urhütte seit Vitruv Gegenstand architekturgeschichtlicher Beschäftigung ist, vermag erst Laugier ihre strukturelle Klarheit wieder umfänglich zu verdeutlichen. Für ihn ist sie die Verkörperung einer architektonischen Wahrheit, die nicht nur am Ende des Barock, sondern auch heute vielerorten verloren scheint. Alle architektonischen Glanztaten und Hochgefühle lassen sich letztlich auf dieses einfache, von Charles Eisen so suggestiv illustrierte Bild zurückführen. Nur durch das Bewusstsein für die diese einfache bauliche Schöpfung, dieses grundsätzlichen Nenners der Architektur, können die Fehler einer entwurzelten, geradezu verselbständigten Baupraxis vermieden werden. Es ist das Bewusstsein für die logische Unbedingtheit der Urhütte, die als frühestes Exempel der festen und unabänderlichen Regeln menschlicher Raumerzeugung, den Bestand und den Sinn der Architektur bewahrt. Vier Stützen und ein Dach, Urprinzip des Bauens und Kompass des Architekten; für Laugier gleicht die Urhütte einem Naturgesetz, das der Künstlichkeit der modernen Gesellschaft als Korrektiv zur Seite tritt.

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Funktion oder Fassade, Raum oder Bild – Zur Problematik einer zeitgemäßen Architektur

12. August 2014 Kommentare aus
Charles-Louis Girault: Grand Palais, Paris, 1897-1900.

Charles-Louis Girault: Grand Palais, Paris, 1897-1900.

Am Ende ein Kostümball

Anstatt organisch an die großen Traditionen der Baugeschichte anzuknüpfen eröffnen die Architekten des 19. Jahrhunderts, nachdem die Hochtöne des Klassizismus verklungen sind, eine regelrechten ‚Kostümball‘, bei dem alle Stile und Epochen – zuweilen verfremdet und verbogen – der Baugeschichte aufgetragen werden. Diese Epoche des Historismus und des Eklektizismus lässt sich mit den Positionen der Kunstakademien identifizieren und daher auch als ein überzogener Akademismus verstehen. Dass diese auf den applizierenden Gebrauch der Stile und Stilmittel beruhende Haltung sich angesichts der aus den Modernisierungsprozessen resultierenden Spannungen keineswegs geeignet erscheint, um die Wirklichkeit einer modernen Massengesellschaft adäquat baulich abbilden zu können, wird jedoch zunehmend deutlich und insbesondere die Trennung von Ingenieur und Architekt, die Umstrukturierung der Ausbildungswege und fanalartige Bauten wie der Eiffelturm in Paris oder später die Bauten des Bauhauses kennzeichnen den Weg der Architektur in die Gegenwart einer verwandelten Welt. Doch zunächst bietet der Jugendstil mit seinem ornamentalen Rückgriff auf handwerkliche Traditionen und pflanzliche Formmuster einen Ansatzpunkt, um einen Weg aus der Verausgabung akademischer Repetitionen zu finden. Da sich die funktionalistische Bauweise, wie sie beispielsweise in den technoiden Bauten eine Gustave Eiffel oder Joseph Paxton vorweggenommen worden sind, zunächst nicht durchsetzen kann, liegt es nahe, dass in Anlehnung an die Haltung des Jugendstils eine expressionistische Tendenz versucht, eine Brücke zwischen Tradition und Moderne zu schlagen.

Le Corbusier: Maisons La Roche-Jeanneret, Paris, 1923.

Le Corbusier: Maison La Roche, Paris, 1923.

Weltkrieg und Aufbruch

Erst der epochale Einschnitt des Ersten Weltkriegs mit all den anhängenden Verwerfungen und Hinterfragungen bringt eine neue Generation Kulturschaffender in den Vordergrund. Nun ist es eine Architektur, die aus der empirischen Lesart des 19. Jahrhunderts eine Architektur für die Menschen des 20. Jahrhunderts destilliert. Eine bewusst an den Bedürfnissen der Menschen und den technischen Möglichkeiten orientierte Architektur schlägt sich in einem strengen und zugleich formgebenden Funktionalismus wieder, der die Abkehr vom Repräsentationsdogma überkommener Architekturkonzeptionen sanktioniert. In Verbindung mit dem ausgesprochen pädagogischen Willen ihrer Protagonisten erreicht diese radikal moderne Strömung schon bald eine internationale Verbreitung. In ihrer heroischen Phase zwischen den beiden Weltkriegen, begegnet sie in allen Massengesellschaften in unterschiedlicher Ausprägung und wird, wie das Beispiel Italiens oder der frühen Sowjetunion zeigt, auch totalitären Ideologie angedient, die mit ihrem Bedürfnis nach Repräsentation durchaus konservative Darstellungsansprüche stellen. Es wird deutlich, dass diese neue Architektur der Massen, die sich der Erfordernisse und Möglichkeiten der Zeit bewusst annimmt, in der Lage ist, jede sich stellende Bauaufgabe adäquat lösen zu können. Aus der wiedergewonnenen Harmonie von Konstruktion, Funktion, Ästhetik und Bedeutung schöpft schließlich die moderne Architektur, wie sie bis heute weiterwirkt. Emblematisch drückt sich dieser Aufbruch in der Negation der reinen Schaulustigkeit aus, die Fassade wird nicht mehr unabhängig von der dahinterliegenden Raumstruktur als ‚dreidimensionales Gemälde‘ verstanden, sondern als eine durchgreifende, logische und in ihrer Elementarität verständliche Teiläußerung einer Architektur der Körperhaftigkeit begründet.

Demokratisierung des Schönen

Die Unmittelbarkeit der Raumerfahrung und die Demokratisierung des Schönen sind Kernbestandteile dieser neuen, modernen Konzeption, die erst jetzt durch die Möglichkeiten des computergestützten Gestaltens in die Irrwege der bloßen Bildhaftigkeit geführt wird. War die Architektur am Ende der baugeschichtlichen Organik ein Kostümball willkürlicher Stilbenutzung, so ist die Architektur inzwischen wieder zu einem Spielball ästhetizistischer Designreflektionen geworden. In dem Moment, da das Design oder das Bild zum konstituierenden Element wird, wird die Lektion der Moderne ad absurdum geführt und die so schwer zurückerlangte Logik verloren. Doch liegt es nah, dass heute in einer bildgewaltigen Welt, das Bild des Gebauten als Image zum Selbsttragenden Motiv wird, und dennoch birgt die Lehre der frühen Moderne jenen Sinn für das Wesentliche, der aus einem Gebäude mehr macht als ein Bauwerk oder ein Sinnbild – nämlich Architektur im Sinne eines integrierten organischen, verständlichen und plausiblen Ausdrucks menschlicher Wirklichkeit.