CFP: Paesaggio in transizione. Trasformazione, riordinamento e continuità nell’architettura della città italiana tra le due guerre. (Sorrento, 14-17 giugno 2018)

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Adalberto Libera: Casa Pigione, Roma, 1933.

CALL FOR PAPERS

Annual Conference of the American Association for Italian Studies (AAIS)
Sant’Anna Institute, Sorrento (Italy), 14-17 June 2018
Deadline: 30 december 2017
https://aais.wildapricot.org/session_proposals

[English version see below]

Session 24
Paesaggio in transizione. Trasformazione, riordinamento e continuità nell’architettura della città italiana tra le due guerre.

Dopo la prima guerra mondiale si attuò una netta accelerazione dei processi di cambiamento e di trasformazione sociale che trovò le sue realizzazioni più concrete nell’ambiente costruito. Su questo sfondo, il DNA della città storica offrì uno dei più importanti punti di riferimento per lo sviluppo pratico di una nuova architettura e delle progettazioni urbanistiche e paesaggistiche. Il risultato non fu una sola strategia, ma una molteplicità di principi formali e tendenze cui era comune l’imperativo e il senso della continuità culturale. La sezione propone di chiarire i metodi con cui gli architetti e urbanisti italiani si riappropriarono della propria tradizione edilizia e la resero idonea alla trasformazione moderna del loro paese.

Si prega di inviare un abstract di 200-250 parole e una breve biografia, completa di affiliazione e indirizzo email, a Luigi Monzo (info [at] luigimonzo.de) entro il 30 dicembre 2017. Si avvisa di attenersi alle norme della conferenza: https://aais.wildapricot.org/conference_guidelines.

Organizzatori e presidenza:
Luigi Monzo, Università di Innsbruck (Austria), info [at] luigimonzo.de
Carmen M. Enss, Università di Bamberga (Germania), carmen.enss [at] uni-bamberg.de

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[EN]

Townscapes in transition. Transformation and reorganization of Italian cities and their architecture in the interwar period.
(Session 24)

Social change after WWI led to an accelerated change in the built environment. Within a broad stylistic scope of architectural and urban design projects, the structural ‘DNA‘ of Italian historic cities offered a basic planning guideline. Historic paradigms determined not only trends in conservation but guided new approaches to architecture as well as urban and landscape design. The result was not a single strategy to ensure continuity in urban planning and architecture, but a multiplicity of formal principles and trends. The session proposes to clarify what methods Italian architects and urban planners used to take possession of a ‘Roman’ or ‘Italian’ building and planning tradition, and how they accommodated it to the modernization of their country.

Please submit via email a 200-250-word abstract of the presentation, a brief biographical note and affiliation to Luigi Monzo (info@luigimonzo.de) by December 30, 2017. Please comply with conference guidelines: https://aais.wildapricot.org/conference_guidelines. The conference languages are Italian and English.

Session organizers and chair:
Luigi Monzo, University of Innsbruck (Austria), info@luigimonzo.de
Carmen M. Enss, University of Bamberg (Germany), carmen.enss@uni-bamberg.de

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croci e fasci – Der italienische Kirchenbau in der Zeit des Faschismus, 1919-1945

Croci Fasci cover rz_grau_klBreit angelegte Studie zum italienischen Kirchenbau in der Zeit des Faschismus

Die Zeit von 1919 bis 1945 war in Italien geprägt vom politischen und gesellschaftlichen Ringen um eine neue Ordnung. Dabei erwies sich die Herrschaftspraxis des von Mussolini 1922 installierten faschistischen Regimes als Metrum der Entwicklungen. Trotz seiner heterogenen Ideologie gelang dem mussolinischen Faschismus jedoch die Etablierung und Konsolidierung einer neuen Wirklichkeit, zu der auch die Verständigung mit der katholischen Kirche gehört. Diese Verständigung schuf wiederum die Voraussetzungen für eine im italienischen Einheitsstaat bislang beispiellose kirchenbauliche Expansion. Zugleich war die Auseinandersetzung mit den Fragen einer zeitgemäßen repräsentativen Architektur sowohl dem Regime als auch der Kirche gemein. Im Spannungsfeld erhitzter Debatten, progressiver und traditionsverbundener Denkweisen, entfaltete sich die wechselvolle Geschichte der Suche nach einem neuen, der Lebenswirklichkeit des 20. Jahrhunderts angemessenen katholischen Kirchenbau. Unter dem begünstigenden Eindruck der faschistischen Architekturpolitik profitierte die kirchenbauliche Entwicklung von der Neuausrichtung der architektonischen Gemengelage, so dass sich schließlich ein Kirchenbau verfestigte, der die typische Verlustempfindlichkeit der Kirche überwinden konnte und heute als Mittler zwischen der Kontinuität jahrhundertealter Traditionen und dem liturgisch motivierten Aufbruch der 1950er und 1960er Jahre gelesen werden kann.

Die vorliegende Arbeit eröffnet und analysiert ein Panorama, das ausgehend von den historischen Voraussetzungen im komplizierten Verhältnis von katholischer Kirche und italienischem Staat über die architekturpolitische Entwicklung im faschistischen Italien zur differenzierten Untersuchung kirchenbaulicher Phänomene in ganz Italien führt.

Luigi Monzo: croci e fasci – Der italienische Kirchenbau in der Zeit des Faschismus, 1919-1945. 2 Bde. Karlsruhe 2017 (Dissertation Karlsruher Institut für Technologie). 1.050+445 Seiten, 1.890 sw-Abb. DOI(KIT): 10.5445/IR/1000071873.

https://publikationen.bibliothek.kit.edu/1000071873

Kirchenbaumeister der Moderne: Otto Bartning – Ausstellung

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Einband des Ausstellungskatalogs. Akademie der Künste Berlin.

Der Architekt Otto Bartning war während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der einflussreichsten und produktivsten Neuerer im Kirchenbau. Schwerpunktmäßig mit dem evangelischen Sakralbau in Deutschland beschäftigt hat mit wegweisenden Entwürfen wie der Sternkirche zum Überdenken des liturgischen Raumes und einer damit verbundenen architektonischen Überdenkung der kirchenbaulichen Typologie entscheidend beigetragen. Seine Kirchen, sei es in Studien, konkreten Bauprojekten oder dem in Verbindung mit den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verbundenen Notkirchenprogramm, haben ürde die Grenzen Deutschlands und der Evangelischen Kirche hinaus als Beispiele für eine Erneuerung bis hin zur Neukonzeption des christlichen Sakralbaus gewirkt.

Die von Dr. Sandra Wagner-Conzelmann kuratierte Ausstellung Otto Bartning (1883-1959): Architekt einer sozialen Moderne eröffnet ein bislang nicht gebotenes, quellenkritisches Panorama auf das vielfältige Werk des Karlsruher Architekten. Eine Ausstellung, die neben dem kirchenbaulichen Beitrag auch Bartnings Arbeit zu den sozialen Aspekten moderner Baupraxis würdigt.

Die umfassende Retrospektive führt anhand von originalen Zeichnungen, Fotografien und Architekturmodellen durch vier Epochen deutscher Geschichte. Viele bisher noch nicht präsentierte Exponate sind zu sehen, da für die Ausstellung erstmals der im Otto-Bartning-Archiv der TU Darmstadt erschlossene gesamte private Nachlass Bartnings zur Verfügung stand. (Pressemitteilung, Auszug)

Die Ausstellung ist an folgenden Standorten zu sehen:

Berlin: Akademie der Künste, 31.03.2017 – 18.06.2017.
Karlsruhe: Städtische Galerie, 22.07.2017 – 22.10.2017
Darmstadt: Institut Mathildenhöhe, 19.11.2017 – 18.03.2018

Marcello Piacentini urbanista

Beese_Piacentini Studie zum städtebaulichen Werk Marcello Piacentinis

Mit der Publikation ihrer 2014 an der Technischen Universität Dortmund vorgelegten Doktorarbeit „Neue Horizonte im Städtebau“ – Die Form der Stadt bei Marcello Piacentini (1881-1960) präsentiert die Berliner Kunsthistorikerin Christine Beese die erste umfangreiche Studie zum vielfältigen städtebaulichen Werk des faschistischen Regimearchitekten Marcello Piacentini. Die Verfasserin untersucht das Wirken anhand des beruflichen und intellektuellen Werdegangs am Übergang zwischen langem 19. und kurzem 20. Jahrundert und zieht dabei auch Vergleiche und Verbindungslinien zum europäischen Architekturgeschehen der Zeit. Über die Entwicklung und Etablierung der städtebaulichen Disziplin, die Erprobung städtebaulicher und architektonischer Leitgedanken im Ausbau Roms zur Kapitale des Faschismus, führt die mit Archivmaterial reich illustrierte Analyse schließlich zur typologisch strukturierten Veranschaulichung eines wegweisenden Beitrags zur italienischen Stadtgestaltung.

Eine ausführliche wissenschaftliche Besprechung des Buches liegt bereits vor und wird 2016/2017 in der architectura – Zeitschrift für Geschichte der Baukunst – Journal of the History of Architecture erscheinen.

Christine Beese: Marcello Piacentini. Moderner Städtebau in Italien. Reimer-Verlag, Berlin 2016. 624 Seiten, 11 farb- und 241 sw-Abb. ISBN: 9783496015468.

Funktion oder Fassade, Raum oder Bild – Zur Problematik einer zeitgemäßen Architektur

Charles-Louis Girault: Grand Palais, Paris, 1897-1900.

Charles-Louis Girault: Grand Palais, Paris, 1897-1900.

Am Ende ein Kostümball

Anstatt organisch an die großen Traditionen der Baugeschichte anzuknüpfen eröffnen die Architekten des 19. Jahrhunderts, nachdem die Hochtöne des Klassizismus verklungen sind, eine regelrechten ‚Kostümball‘, bei dem alle Stile und Epochen – zuweilen verfremdet und verbogen – der Baugeschichte aufgetragen werden. Diese Epoche des Historismus und des Eklektizismus lässt sich mit den Positionen der Kunstakademien identifizieren und daher auch als ein überzogener Akademismus verstehen. Dass diese auf den applizierenden Gebrauch der Stile und Stilmittel beruhende Haltung sich angesichts der aus den Modernisierungsprozessen resultierenden Spannungen keineswegs geeignet erscheint, um die Wirklichkeit einer modernen Massengesellschaft adäquat baulich abbilden zu können, wird jedoch zunehmend deutlich und insbesondere die Trennung von Ingenieur und Architekt, die Umstrukturierung der Ausbildungswege und fanalartige Bauten wie der Eiffelturm in Paris oder später die Bauten des Bauhauses kennzeichnen den Weg der Architektur in die Gegenwart einer verwandelten Welt. Doch zunächst bietet der Jugendstil mit seinem ornamentalen Rückgriff auf handwerkliche Traditionen und pflanzliche Formmuster einen Ansatzpunkt, um einen Weg aus der Verausgabung akademischer Repetitionen zu finden. Da sich die funktionalistische Bauweise, wie sie beispielsweise in den technoiden Bauten eine Gustave Eiffel oder Joseph Paxton vorweggenommen worden sind, zunächst nicht durchsetzen kann, liegt es nahe, dass in Anlehnung an die Haltung des Jugendstils eine expressionistische Tendenz versucht, eine Brücke zwischen Tradition und Moderne zu schlagen.

Le Corbusier: Maisons La Roche-Jeanneret, Paris, 1923.

Le Corbusier: Maison La Roche, Paris, 1923.

Weltkrieg und Aufbruch

Erst der epochale Einschnitt des Ersten Weltkriegs mit all den anhängenden Verwerfungen und Hinterfragungen bringt eine neue Generation Kulturschaffender in den Vordergrund. Nun ist es eine Architektur, die aus der empirischen Lesart des 19. Jahrhunderts eine Architektur für die Menschen des 20. Jahrhunderts destilliert. Eine bewusst an den Bedürfnissen der Menschen und den technischen Möglichkeiten orientierte Architektur schlägt sich in einem strengen und zugleich formgebenden Funktionalismus wieder, der die Abkehr vom Repräsentationsdogma überkommener Architekturkonzeptionen sanktioniert. In Verbindung mit dem ausgesprochen pädagogischen Willen ihrer Protagonisten erreicht diese radikal moderne Strömung schon bald eine internationale Verbreitung. In ihrer heroischen Phase zwischen den beiden Weltkriegen, begegnet sie in allen Massengesellschaften in unterschiedlicher Ausprägung und wird, wie das Beispiel Italiens oder der frühen Sowjetunion zeigt, auch totalitären Ideologie angedient, die mit ihrem Bedürfnis nach Repräsentation durchaus konservative Darstellungsansprüche stellen. Es wird deutlich, dass diese neue Architektur der Massen, die sich der Erfordernisse und Möglichkeiten der Zeit bewusst annimmt, in der Lage ist, jede sich stellende Bauaufgabe adäquat lösen zu können. Aus der wiedergewonnenen Harmonie von Konstruktion, Funktion, Ästhetik und Bedeutung schöpft schließlich die moderne Architektur, wie sie bis heute weiterwirkt. Emblematisch drückt sich dieser Aufbruch in der Negation der reinen Schaulustigkeit aus, die Fassade wird nicht mehr unabhängig von der dahinterliegenden Raumstruktur als ‚dreidimensionales Gemälde‘ verstanden, sondern als eine durchgreifende, logische und in ihrer Elementarität verständliche Teiläußerung einer Architektur der Körperhaftigkeit begründet.

Demokratisierung des Schönen

Die Unmittelbarkeit der Raumerfahrung und die Demokratisierung des Schönen sind Kernbestandteile dieser neuen, modernen Konzeption, die erst jetzt durch die Möglichkeiten des computergestützten Gestaltens in die Irrwege der bloßen Bildhaftigkeit geführt wird. War die Architektur am Ende der baugeschichtlichen Organik ein Kostümball willkürlicher Stilbenutzung, so ist die Architektur inzwischen wieder zu einem Spielball ästhetizistischer Designreflektionen geworden. In dem Moment, da das Design oder das Bild zum konstituierenden Element wird, wird die Lektion der Moderne ad absurdum geführt und die so schwer zurückerlangte Logik verloren. Doch liegt es nah, dass heute in einer bildgewaltigen Welt, das Bild des Gebauten als Image zum Selbsttragenden Motiv wird, und dennoch birgt die Lehre der frühen Moderne jenen Sinn für das Wesentliche, der aus einem Gebäude mehr macht als ein Bauwerk oder ein Sinnbild – nämlich Architektur im Sinne eines integrierten organischen, verständlichen und plausiblen Ausdrucks menschlicher Wirklichkeit.

1914: Geschichtlichkeit und Bruch in der Architektur

Walter Gropius und Adolf Meyer: Fagus-Werk, Alfeld an der Leine, 1911-14.

Walter Gropius und Adolf Meyer: Fagus-Werk, Alfeld an der Leine, 1911-14.

Epoch in being

Die Spannungen der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg drücken sich besonders eindrücklich in den Spannungen der Kulturlandschaft aus. Insbesondere in der Architektur wird die Redundanz erschöpfter Stilwiederholungen und Stilinterpretationen herausgefordert. Entscheidend ist die Suche nach Antworten auf die sich rasch verändernde Lebenswirklichkeit des frühen 20. Jahrhunderts. Der Bruch mit der baugeschichtlichen Tradition wird kaum deutlicher, als im Werk des Berliner Architekten und späteren Bauhaus-Gründers Walter Gropius. So steht sein 1914 fertiggestelltes Fagus-Fabrikgebäude in Alfeld an der Leine am Beginn der Moderne. Gerade die Leichtigkeit und Eleganz des bahnbrechenden Entwurfs bietet eine Antwort auf die bislang mit rhetorischen Mitteln gehandhabte Frage der Repräsentation und offeriert zugleich einen neuen Ansatzpunkt für die vom Industriezeitalter beförderte Zweckmäßigkeit. Gropius‘ Bauwerk ist jedoch mehr als die Epigone eines Aufbruchs. In sich schließt es die Dramatik seiner Zeit ein, denn Spuren überkommenen Denkens und neuer Ideen mischen sich auf harmonische, ja subtile Weise zu einem neuen Ganzen. So stehen einerseits die großen Glasflächen, die schwebenden Podeste der Treppenhäuser und der knappe, scharf geschnittene Dachabschluss als Inkunabeln eines modernen Bauens neben den versteckten Hinweisen auf die nach wie vor wirksame Bautradition. Gerade darin spiegelt sich der Charakter jener Zeit am Vorabend des Weltkrieges als einer epoch in being, einer Epoche im Werden also mit all den Spannungen jener Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die sich nur kurze Zeit nach Fertigstellung des neuen Fagus-Werks in den Abnutzungsschlachten des Großen Krieges auf brutalste Zeit offenbaren wird.

Walter Gropius und Adolf Meyer: Fagus-Werk, Alfeld an der Leine, 1911-14. Detail der Eingangstür.

Fagus-Werk, Tür im Eingangsportal.

Assoziation und Abstraktion

Gropius begründet mit seiner Fabrikarchitektur den architektonischen Teil eines radikalen kulturellen Aufbruchs, doch verkörpert sein Werk Beziehungen zur Tradition Behrens oder gar Schinkels. So stellt vor allem die lineare Strenge seiner kubischen Bauten, die selbst inmitten der fundamentalen Wende des Bauens zu einem prägenden Merkmal wird, eine Reminiszenz an die Klarheit und Strenge im Klassizismus Schinkels. Doch auch die Details des Fagus-Werks offenbaren Bezüge zur Baugeschichte, die noch einmal das Werden einer neuen Epoche unterstreichen und die selbst die Entwicklung der radikalen modernen Architektur in eine baugeschichtliche Kontinuitätslinie stellen. Bekannt ist der aus geometrischen Reduktionen resultierende Türgriff, die Dominanz einfachster Formkombinationen und die Betonung stereometrischer Körper, doch stellt sich dem die ornamentale Qualität etwa des genieteten Türblattes der metallenen Eingangstür zur Seite. Während die Großform und das Gesamtbild in das neue Jahrhundert weisen, finden sich in den kleinen Maßstäben der Ausstattung und Detaillierung noch zahlreiche Bezüge zu historischen Formvorstellungen. Aber auch im Raumeindruck lassen sich diese Bindungen erkennen, insbesondere wenn man den überaus feierlichen Eingangsraum betritt, der seine Konturen keineswegs im gleißendes Weiß der Wände neutralisiert, sondern dank der Abstraktionen klassizistischer Gliederungsformen strukturiert wird. Umgeben wird man von einem aus schwarzen Steinplatten in die Wand eingelegten Sockel, der von Leisten zusätzlich gegliedert wird und über dem in einer an Wagners Postsparkasse erinnernden Manier helle Wandfelder stehen. Den Abschluss dieser Felder bildet schließlich die Abstraktion eines unmittelbar auf die Architektur des Klassizismus verweisenden Triglyphenfrieses. Mit seiner schönen Ebenmäßigkeit unterstreicht dieser Fries die Geschichtlichkeit, die der im Fagus-Werk so mustergültig vertretenen frühen Moderne innewohnt. Erst in der charakteristischen Überlagerung von älteren Traditionen und fortschrittlichen Konzepten wird die Herausbildung eines epochalen Bruches greifbar und der Weg zu einer Kongruenz von Erfordernis und Mittel geebnet.

vanishing freedom: Louis Kahn und der Park der vier Freiheiten in New York

Luftaufnahme des Four Freedom Park. Quelle: Franklin D. Roosevelt Four Freedoms Park, © Iwan Baan.

Luftaufnahme des Four Freedom Park. Quelle: Franklin D. Roosevelt Four Freedoms Park, © Iwan Baan.

Eine steingewordene Vision?

2012 war es endlich soweit: Der auf den Entwurf des amerikanischen Architekten Louis Isadore Kahn zurückgehende Franklin D. Roosevelt Four Freedoms Park wurde für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Entwürfe waren bereits in den Jahren 1973 und 1974 entstanden, wegen Kahns Tod und zahlreicher anderer missgünstiger Umstände jedoch bis heute nicht umgesetzt worden. Jetzt, vierzig Jahre später, prangt das steinerne Zeugnis aus tonnenschweren Granitblöcken an der Spitze von Roosevelt Island im Herzen von New York. Mit millimetergenauer Präzision bilden gewaltige Granitblöcke einen auratischen Raum, hinter dessen Wänden die Skyline der Mega-City zur Nebensache degradiert, stattdessen wird der Blick frei auf den Fluss, die Brücke, den Himmel. An diesem Ort des Gedenkens an jene wegweisende Rede über die Voraussetzungen einer dauerhaften demokratischen Ordnung sind die freiheitlichen Grundwerte – die Freiheit der Rede und der Meinungsäußerung, die Freiheit des religiösen Bekenntnisses, die Freiheit von Not und die Befreiung von Furcht – nunmehr hier wie damals verewigt. In einem spitz zulaufenden Park wird der Besucher durch baumgesäumte Alleen geführt und dem Trubel der Stadt entzogen. Seine Aufmerksamkeit richtet sich ganz von selbst auf das Monument jener Rede, mit der Präsident Roosevelt am Vorabend des amerikanischen Kriegseintritts im Jahre 1941 um die moralischen Voraussetzungen eines militärischen Eingreifens rang. Doch ähnlich verzerrt wie die Entstehungsgeschichte des Bauwerks, mag heute das Echo der hochfliegenden Worte klingen, wenn im Reigen von Abhörskandalen und massenweiser digitaler Durchleuchtung eben jene von Roosevelt so emphatisch beschworenen Werte der Freiheit ausgehöhlt werden.

Park und Baumallee. Quelle: Franklin D. Roosevelt Four Freedoms Park, © Paul Warchol

Park und Baumallee. Quelle: Franklin D. Roosevelt Four Freedoms Park, © Paul Warchol

Doch zurück zur Architektur, die mit ihrer perpetuierenden Bedeutung und Wirkung viel geduldiger, behütender, ja auch lehrsamer sein kann, als das von vielen Zerstreuungen und trügerischen Freiheitsgewinnen durchzogene Alltagsleben mit seinen aufgebauschten und schnell konsumierten Wertillusionen. Louis Kahn inszenierte den Park an der Südspitze der Insel als einen kontemplativen Weg hin zu dem einen Ziel, das sich in einem offenen Raum mit seiner Umwelt zu einem einzigartigen Erlebnis verschmilzt. Auf der einen Seite eine Monumentalität, die in der Harmonie der Proportionen und Einfachheit der Materialwahl, der Symmetrie der Anlage und dem rigiden Direktionismus ihrer Geometrie gegen die Wucht der Wolkenkratzer besteht und auf der anderen Seite die Architektur der Stille, der Besinnung, der Kahn bei so vielen Gelegenheiten Ausdruck verliehen hat. Der aus seinem Dornröschenschlaf erwachte Entwurf und das wie im Märchen nun glücklich zu Ende geführte Projekt sind uns heute eine Beispiel für die Größe der Einfachheit, die Würde des Gedenkens und die immer wieder sinnstiftende Relation von Natur und Architektur. Einer Architektur, die das eigene Selbst erweitert und einer Natur, die im Garten eines Parks schrittweise zu einer ganz und gar persönlichen Natur verdichtet wird.

Zeichnung von Louis Kahn. Quelle: Louis I. Kahn Collection, University of Pennsylvania and the Pennsylvania Historical and Museum Commission.

Zeichnung von Louis Kahn. Quelle: Louis I. Kahn Collection, University of Pennsylvania and the Pennsylvania Historical and Museum Commission.

Purismus und Größe: Kahns Entwurf und seine Umsetzung

Für den Entwurf des Denkmals, das elementare Ideen eines friedlichen Zusammenlebens verkörpern sollte, wählte Kahn die Kombination zweier räumlicher Archetypen, indem er Raum und Garten miteinander verband. Den besonderen, keilförmigen Zuschnitt der Inselspitze nutzte der Architekt für einen perspektivisch reizvoll zulaufenden, von Linden flankierten Park. Diesen mündet er in einen von massiven Blöcken archaisch gefassten Raum, der sich wiederum zum Fluss hin öffnet. In dem schlichten, aber tiefsinnigen Entwurf konzentriert Kahn noch einmal die Kerngedanken seines Schaffens. Mit strenger geometrischer Exaktheit zeichnet er den Zusammenfall und den Kontrast des Künstlichen mit dem Natürlichen und erzeugt dabei zugleich intime Räume und eindrückliche Beziehungen zur Umwelt. Fluss und Stadt bilden nicht nur den Hintergrund, sondern werden durch den Parcours des Denkmals und seines Parks Teil der Wahrnehmung. Bezeichnend ist dabei die räumliche Spannung, die vom Bezug des vergleichsweise kleinen, für den Menschen dimensionierten Raumes zum übermächtigen, wie eine Stadtraumscheibe emporragenden Hauptquartier der Vereinten Nationen entsteht, deren Charta sich wiederum auf Roosevelts Freiheitspostulat bezieht.

Kahn kreierte für die Besucher des Mahnmals unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten, die immer wieder neue Wege und Blickwinkel auf das architektonisch-urbane Zusammenspiel von Stadt und Park, Park und Monument ermöglichen. Michael Merrill, der lange und eingehend Kahns Werk studiert hat, spricht deshalb zutreffend von einer sich langsam entfaltenden Choreografie, einer Promenade, die entlang zurückge­haltener und freigegebener Ausblicke dem unwiderstehlichen Drang zur Spitze der Insel folgt. Und so zwingt eine von fünf großen Bäumen gebildete Scheidewand am Eingang des Parks die Besucher zu einem für monumentale Bauwerke meist unüblichen seitlichen Zutritt. Damit provoziert Kahn eine belebende Störung der ansonsten rigide symmetrischen Großform, die sich bis zum fokussierten Betreten des Gedenkraums durchzieht. Der stadträumliche Spannungsbogen wird auf den Maßstab des Parks heruntergebrochen und schon zum Auftakt für die Besucher erlebbar, indem diese zwischen der großen Geste einer breiten Freitreppe und den sich seitlich anschließenden beschaulichen Wegen durch baumgesäumte Alleen oder den entlang der abgeböschten Kanten des dreieckigen Parks am Wasser verlaufenden Rampen wählen können, um zum bislang nur erahnbaren ‚Balkon der Freiheiten‘ zu gelangen. Ein trapezförmig zulaufender Platz ist dem eigentlichen Denkmal vorgelagert. Durch die sich steigernde Folge von Perspektiven und Stimmungen gelangt der Besucher nicht unvorbereitet in das firme Blickfeld der von Jo Davidson geschaffenen Präsidentenbüste. Die Rückwand bildet zugleich einen Schirm auf dessen dem Südseite jene Passage der Präsidentenrede eingraviert ist, die den Sinn des Denkmals gestiftet hat. Noch einmal muss sich der Besucher entscheiden, ob er rechts oder links an dieser Mauer vorbei auf die Plattform treten möchte, bevor er sich ganz der Wirkung dieses Orts und seiner Geschichte hingeben kann. Einer labenden Wirkung, die Empfindungen freisetzt, für die dieser Raum ein Verstärker oder auch nur ein schlichter, zurückhaltender Hort ist, in dem die Intensität aber auch die Fragilität der von Roosevelt beschworenen Freiheiten noch einmal nachwirken können.

Auszug der Rede. Quelle: Franklin D. Roosevelt Four Freedoms Park, © Iwan Baan.

Auszug der Rede. Quelle: Franklin D. Roosevelt Four Freedoms Park, © Iwan Baan.

Dreißig an der Nord-, West- und Ostseite der Plattform postierte Granitblöcke, zwölf Fuß (3,70 m) hoch und je 36 Tonnen schwer, erzeugen einen nur 18 m2 großen, mit Granitplatten ausgelegten Gedenkraum. Dieser öffnet sich zur Südseite hin, um, als Bugspitze ausgebreitet, vor den in Stein gefrästen Worten des Präsidenten das großartige Panorama des East Rivers zu entfalten. In sich ruhend, dank der Kontinuität von Material und Struktur geradezu beschwörend harmonisch, bildet dieser Raum einen poetischen Kontrapost zur überbrodelnden Aktivität der Metropole. Die angenehme aber auch irgendwie unheimliche Vertrautheit, die von Kahns steinernem Raum ausgeht, ist das Ergebnis einer wunderbaren Synthese: Uraltes Material, schwer, massiv und doch zerbrechlich, mit großem Aufwand gewonnen, herangeschafft und bearbeitet; das zeitlose Flair altertümlicher Handwerkskunst bis hin zum Einsatz modernster Technik; Ursprüngliches ist mit Kunstvollem vereint, um scheinbar schwerelos in ein Gefühl der Stille überzugehen. Kahn gelingt es, durch die ihm eigene elementare Formensprache eine universale Architektur zu entwerfen, die inmitten New Yorks eine Atmosphäre der Unmittelbarkeit schafft, wie sie sonst nur von den Kultbauten der Frühzeit ausstrahlt. Die nach außen sägerau belassenen Granitblöcke sind auf der Innenseite poliert, um die Intimität des u-förmig umschlossenen Raumes gerade soweit zu konzentrieren, wie es das von Kahn intendierte Spiel von Freiheit und Bezogenheit zulässt. Geschickt sind die seitlichen Blöcke so gesetzt, dass am Jahrestag der Geburt des Präsidenten das Licht der Morgendämmerung und an seinem Todestag das Licht des Sonnenuntergangs exakt eingefluchtet durch die Spalten strahlt. Ein suggestives Spiel, das nicht nur an die kulturgeschichtlich allgegenwärtige Mystik der Sonne erinnert, sondern auch ein Lehrstück darüber ist, dass Architektur an der Scheidung und Durchdringung von Licht und Materie beginnt.

Erinnerung und Vermächtnis

Durch den unerwarteten Tod des Architekten im Jahre 1974 und die Berufung des prominenten Förderers Nelson Rockefeller zum amerikanischen Vizepräsidenten verlor das Projekt seine wichtigsten Triebkräfte. Hinzu kam, dass die Stadt Mitte der 1970er Jahre auf den Bankrott zusteuerte. Die von Kahn zurückgelassenen, sehr weit entwickelten Pläne wurden von Kahns Büroleiter David Wisdom und das Büro Mitchell-Giurgola fertiggestellt, wobei nun Letztere für die Realisation des Denkmals verantwortlich sind. Aufwind erfuhr das lange brach liegende Projekt schließlich mit dem seit Nathaniel Kahns Film ‚My Architect‘ wieder gestiegenen öffentlichen Interesse am Leben und Werk des Architekten. Eine Ausstellung über das Projekt an der Cooper Union brachte zusätzliche Beachtung und eine Gruppe von Architekten, Politikern und Spendenbeschaffern konnte das Projekt im Frühjahr 2010 wieder in Gang setzen.

Das Denkmal, das auch heute nichts von seiner Symbolik eingebüßt hat, steht mit ungebrochener Zuversicht für die von Roosevelt evozierte Vorstellung einer freiheitlichen Weltordnung. Im Panoptikum der New Yorker Freiheitsmale steht es derweil als sublimes Gefüge einer archaisch anmutenden Raumschöpfung für die stille Beharrlichkeit eines Traumes von Freiheit, wie ihn die amerikanische Nation zwar seit je her in sich trägt, aber auch stets aufs neue herausfordert. Unverdrossen trotzen Kahns mächtige Granitblöcke der Vergänglichkeit einer extremen, höchst symbolischen Stadt. Einer Stadt, die wie kaum eine andere als Inbegriff moderner Widersprüche gilt; einer Stadt in der die Möglichkeiten so knallhart auf die Unmöglichkeiten des Lebens stoßen, die aber auch immer wieder die Kraft für regenerierende Wege findet. So liest sich denn die jüngst mit überwältigender Mehrheit vollzogene Wahl Bill de Blasios zum Bürgermeister New Yorks als ein neuerliches Versprechen an die Zukunft. Ein Versprechen, das anknüpft an jene Ideen, denen Roosevelt und Kahn auf je eigene Art eine beständige Präsenz verliehen haben.