Politexkurs 11|12 – Bildung

23.X.2012 | Absurde Schulpolitik in Baden-Württemberg

Die Landesregierung steht angesichts der Bildungsreform vor einer Herkulesaufgabe. Es geht darum jahrzehntelangen Stillstand in eine fortschrittliche und zeitgemäße Entwicklung umzuwandeln. Dabei scheint aber der angesichts des Schuldenstandes eingeschlagene Weg der Kürzungen und Sparmaßnahmen zu einem fatalen Irrweg zu werden. Vergleicht man, wie jüngst in einer Expertise des Bildungsforschers Klaus Klemm geschehen, die bildungspolitischen Zielvorgaben mit dem sich ankündigenden Szenario, wird es durch den beabsichtigten Wegfall von 11.600 Lehrerstellen zu einem klaffenden Missverhältnis hinsichtlich der notwendigen Reformaufgaben kommen. Unter dem Deckmantel des demografischen Wandels wird verschleiert, wie mit einem drastisch verringerten Lehrkörper der Aufbau von 300 Gemeinschaftsschulen, der Ausbau der Ganztagsschulen um 15-20%, die Umsetzung der Inklusion durch das Zwei-Pädagogen-Prinzip, die Aufstockung der schulinternen Fördermaßnahmen um 1 ½  Stunden je Zug und den Ausbau der Lehrerreserve um 2,5% bewerkstelligt werden soll –, kurzum, wie mit weniger Mittel ein Mehr an Qualität im Bildungswesen erreicht werden soll. Selbst die demografisch bedingt sinkenden Schülerzahlen können die Verringerung des Lehrkörpers hinsichtlich dieser seit langem überfälligen Maßnahmen zur Verbesserung des Bildungsangebots unseres Landes nicht rechtfertigen. Erst recht, wenn zu diesen bildungspolitischen Widersprüchen noch das Diktat des Finanzministers hinzukommt, das verspricht, die Schulen, Lehrerinnen und Lehrer am stärksten mit strukturell schwächenden Sparmaßnahmen zu belegen. Die mit der Streichung von Lehrerstellen verbundene Verschlechterung der Arbeitsbedingungen an Schulen liegt bekanntlich auf der Hand, verschärft wird dies jedoch durch irrsinnige Kürzungen bei den stundenmäßigen Anrechnungen und Ermäßigungen für die Umsetzung der arbeits- und zeitintensiven Inklusion; da die Lehrerreserve nicht bedarfsgerecht ausgebaut werden soll, drohen Engpässe bei Fördermaßnahmen und hinsichtlich der professionellen Ausstattung der Ganztagsschulen. Die Diskussion um Streichungen bei der Altersermäßigung erscheinen ohne alternsgerechte Arbeitsgestaltung in den Schulen wie Hohn, ebenso die perspektivierten Kürzungen bei den Eingangsbesoldungen, die zeitversetzte Umsetzung der Tarifrunden, die Streichung der vermögenswirksamen Leistungen und die angedrohten dauerhaften Absenkungen bei den Versicherungsleistungen. Offenbar verkennt diese Landesregierung, dass eine Bildungsreform ohne bestens ausgestattete Schulen und die tagtäglich hoheitliche Aufgaben wahrnehmenden Lehrerinnen und Lehrer kaum zu schaffen ist. Anstatt wild umher zu kürzen wäre es von Nöten, die Ausbildung und Arbeit des pädagogischen Personals den Bedürfnissen anzupassen, abstrakte Beschneidungen mit dem Rotstift führen hier nur vom eigentlichen Ziel weg. Denn ganz offensichtlich scheint die neue Landesregierung ähnlich wie die alte ihre bildungspolitischen Reformen vielmehr dem bewährten Improvisationspotenzial der Lehrkräfte anzuvertrauen, als dass sie selbst für beste strukturelle Voraussetzungen sorgen würde. Dass gespart werden muss, steht außer Frage; entscheidend ist aber das Wie. So böte, um nur ein Beispiel zu nennen, etwa die Angleichung der bisher schulartspezifischen Besoldung eine weit wirksamere und vernünftigere Möglichkeit, die Effizienz öffentlicher Gelder zu verbessern. Oder wie ist es zu erklären, dass die am besten ausgebildeten Pädagogen mit dem größten Stundenpensum (Grundschule) deutlich niedriger eingestuft werden, als die am schlechtesten ausgebildeten Pädagogen mit dem geringsten Stundenpensum (Gymnasium)?…und dies wo doch bestens bekannt ist, dass die Elementarbildung für die Zukunft der Kinder entscheidend ist.

| am 27. Oktober 2012 in den Stuttgarter Nachrichten veröffentlicht