Neue Wege im alten Rom

Renzo Piano: Parco della Musica (Rom), 1994-2003

Renzo Piano: Parco della Musica (Rom), 1994-2003

Nach der Eingliederung Roms in den italienischen Nationalstaat (1871) wurde das in städtebaulichem Sinne noch im Dornröschenschlaf schlummernde Rom erst langsam, dann dafür umso energischer zum Gegenstand tiefgreifender urbaner Modernisierungsprozesse. Die Weltausstellung im Jahre 1911 erschloss den Teil zwischen Tiber und Monte Mario einer ersten bürgerlichen Bebauung in größerem Stil (Prati). Calderinis gewaltiger Justizpalast manifestierte indes das entschiedene Statement des liberal-laizistischen Staates gegenüber den Zeugnissen der päpstlichen Herrschaft. Nicht zuletzt sollte das neue Quartier Prati das erste in Rom sein, von dem die Peterskuppel nicht zu sehen wäre. Derweil darbte der alte Teil Roms, also der zwischen den Hügeln entlang des Tridente liegende Kern in einem von prekären hygienischen Verhältnissen aber zugleich intakten sozio-urbanen Gefügen gekennzeichneten, fast dörflichen Zustand. Ein Zustand, in den allerdings bauspekulative Maßnahmen wie die Via Nazionale zunehmend mutierend eingriffen, bis sie schließlich aus dem Rom der Päpste das Rom der bürgerlichen Bauspekulanten machten. (Der Prozess wirkt heute noch nach, wenn man die Eigentumsverhältnisse in den Rioni e Quartieri durchleuchtet.)

Richard Meier: Museum 'Ara Pacis' (Rom), 1996-2006

Richard Meier: Museum ‚Ara Pacis‘ (Rom), 1996-2006

Die verhältnismäßige Stasis hinsichtlich größerer städtebaulicher Projekte öffentlichen Interesses ändert sich mit der Machtübernahme der Faschisten (1922). Für Mussolini sollte Rom zur Hauptstadt eines neuen Imperiums avancieren, große Umbauten und tiefgreifende Einschnitte in das bestehende Stadtgewebe in Verbindung mit großangelegten Stadterweiterungsmaßnahmen ebnen dem faschistischen Selbstdarstellungsanspruch den Weg in die Welt der architektonischen Zeichenhaftigkeit. Bis heute bleibende Zeugnisse dieser regen Bauaktivität sind etwa die Via della Conciliazione, die Via dell’Impero (heute Via dei Fori Imperiali), die Via Imperiale (heute Via Cristoforo Colombo) und die Via del Mare sowie das für die Weltausstellung 1942 vorgesehene neue Quartier E42 (heute EUR). Antike Monumente wurden mit großem Aufwand freigelegt, um den Bezug des Regimes zum Glanz des römischen Kaiserreiches zu beschwören, so beispielsweise durch die Anlage der Piazza Auguso Imperatore. Zu den wichtigsten Einzelbaumaßnahmen des Regimes in Rom gehören die Postpalazzi an der Via Bologna (Mario Ridolfi) und der Via Marmorata (Adalberto Libera) sowie die Schlüsselgebäude des Quartiers E42.

Zaha Hadid: Nationales Museum der Künste des XXI. Jahrhunderts - MAXXI (Rom), 1998-2010. Foto: Privat

Zaha Hadid: Nationales Museum der Künste des XXI. Jahrhunderts – MAXXI (Rom), 1998-2010. Foto: Privat

Im Anschluss an die gut zwei Jahrzehnte andauernde Ausweidung, Verdichtung und Erweiterung der Stadt unter faschistischer Herrschaft folgte nach dem Zweiten Weltkrieg ein regelrechter Neubaustopp (eine der Ausnahmen, Nervis Palazzetto dello Sport). Der Wert der Bausubstanz wurde höher gestellt, zugleich der Ausbau der Stadt an ihren Rändern massiv vorangetrieben, um dem Bevölkerungsdruck zu begegnen. Aus dieser Zeit zeugen riesige Sozialbauprojekte wie der Corviale. Erst in den letzte 15-20 Jahren hat sich die Stadtverwaltung einer Qualifizierung des innerstädtischen Bereichs mit mehreren modernen und neuartigen Gebäuden zugewandt. Für den Bau neuer Kultureinrichtungen (Bibliotheken, Museen, Konzerthallen), Tagungszentren und eine Kirche konnten international renommierte Architekten gewonnen werden. Tatsächlich zeigen die Bauwerke, dass ein Neubau in der Nachbarschaft des außergewöhnlich prägenden römischen Bauerbes durchaus bestehen und plausibel sein kann.  Der Percours dieser Gegenwartsarchitektur lädt ein, ihr Verhältnis zum städtischen Umfeld in den Blick zu nehmen und zu diskutieren. Grundsätzliche Aspekte wie die architektonische Aufwertung randständiger Stadtgebiete, die Auswirkungen des Massentourismus auf die Stadt oder das Verhältnis von neuer Architektur und Denkmalpflege werden dabei ebenso geschärft, wie die Frage, welche Bedeutung der Gegenwartsarchitektur insgesamt vor dem weiteren Horizont der städtebaulichen Entwicklung Roms seit dem späten 19. Jahrhundert und in  internationalem Rahmen zukommt.

Zu den jüngsten und jüngeren Bauwerken im innerstädtischen Bereich Rom gehören folgende bereits vollendete oder noch im Bau befindlichen Arbeiten:

  • Moschee und Centro Culturale Islamico (Paolo Portoghesi), 1975/76 und 1984-95
  • Umbau und Erweiterung der Kapitolinischen Museen (Carlo Aymonino), 1993-2005
  • Auditorium ‚Parco della Musica‘ (Renzo Piano), 1994-2003
  • Kirche des neuen Jahrtausends, Dives Misericordiae (Richard Meier), 1996-2003
  • Museum ‚Ara Pacis‘ (Richard Meier), 1996-2006, und Neugestaltung der Piazza Augusto Imperatore (Francesco Cellini), 2006-14
  • Museum ‚MAXXI‘ (Zaha Hadid), 1998-2010
  • Museum ‚MACRO‘ (Odile Decq), 2000-10
  • Hochgeschwindigkeitsbahnhof ‚Tiburtina‘ (Paolo Desideri, ABDR Architetti e Associati), 2001-11
  • Erweiterung des Palazzo delle Esposizioni durch die ‚Serra Piacentini‘ (Paolo Desideri, ABDR Architetti e Associati), 2003-07
  • Umbaumaßnahmen in der Biblioteca della Pontificia Università Lateranense (King Roselli Architetti), 2003-06 und der Biblioteca Hertziana (Juan Navarro Baldeweg), 2003-2012
  • Eurosky-Hochhaus (Franco Purini), 2005-
  • Centro Congressi Italia (Massimiliano Fuksas), 1998-2000, 2001-07, 2008-
  • Piazza San Silvestro (Paolo Portoghesi), 2012-13

Advertisements

Das andere Rom

Giovanni Guerrini, Ernesto La Padula und Mario Romano: Palazzo della Civiltà Italiana (1937-53). Foto: Privat.

Giovanni Guerrini, Ernesto La Padula und Mario Romano: Palazzo della Civiltà Italiana (1937-53). Foto: Privat.

Rom … Rom ist nicht einfach nur eine große, bekannte Stadt – Rom, so heißt es, ist eine Idee, eine einmalige Idee von Stadt, obwohl sie keinem klaren städtebaulichen Gedanken folgt und auch sonst erscheint sie eher als ein wirres Sammelsurium anstatt als eine strukturierte Metropole. Manche sagen, Rom sei im Vergleich mit den Megastädten dieser Welt einfach nur ein großes Dorf, das 1871 zufällig Hauptstadt geworden und deshalb überhaupt noch relevant sei. Streift man jedoch aufmerksam durch die mitunter verwundenen Straßen und Gassen dieser Stadt wird dem Betrachter schnell bewusst, dass hier Jahrtausende menschlichen Kollektivgedächtnisses nebeneinander vergraben beziehungsweise aufgebaut sind und weiterleben.

Rom, das ist natürlich die Stadt der Antike, der jungen Republik und des mächtigen Kaiserreiches. Rom, das ist aber auch die Stadt der Päpste, die seit Kaiser Konstantin dem Großen und insbesondere seit dem Barock, der hier in Rom mit den großen Könnern Michelangelo, Bernini und Borromini seinen Anfang genommen hat, der Stadt ein monumentales Gepräge gegeben haben, das die Traditionen der Antike fortführt und im 20. Jahrhundert von den Faschisten Mussolinis wieder aufgegriffen worden ist. Folglich ist Rom auch die Stadt des Faschismus, wie man an vielen verteilten Stellen der Stadt und insbesondere im für die Weltausstellung 1942 geplanten Quartier EUR heute noch sehen und spüren kann. Dass diese Geschichte allerdings noch lange nicht zuende ist, zeigt uns die aktuelle politische Verfasstheit Italiens, in der neofaschistische und nationalistische Akteure in Rom wieder das Sagen haben.