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Posts Tagged ‘Frank Lloyd Wright’

Frank Lloyd Wright unknown

6. Juli 2016 Kommentare aus
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Frank Lloyd Wright: Teppich für Taliesin, 1955. Quelle: MoMa Press.

Das Museum of Modern Art in New York nutzt den Anlass des 150. Gebursttag des großen Meisters Frank Lloyd Wright, um mit einer spektakulären Ausstellung tiefe Einblicke in bislang unveröffentlichte Arbeiten des Architekten der Prärie zu geben. Frank Lloyd Wright at 150: Unpacking the Archive, so der Titel der Ausstellung, die am 12. Juni 2017 im MoMA eröffnet und mit über 450 Arbeiten aus der Zeit von den 1890er bis 1950er Jahren aufwarten wird. Architekturzeichnungen, Modelle, Gebäudefragmente, Film- und Fernsehbeiträge, Druckerzeugnisse, Möbel, Tischwaren, Textilien, Gemälde, Fotografien und Skizzenbücher wurden aus den Tiefen des persönlichen Archivs des Architekten heraufbefördert und werden im Kontext etlicher, bisweilen kaum bekannter Projekte einen neuen Blickwinkel auf das Werk Frank Lloyd Wrights eröffnen. Die Ausstellung ist vielmehr anthologisch aufgebaut denn eine monografische Werkschau. In zwölf Abteilungen werden verschiedene Aspekte und Facetten, wie zum Beispiel die Verwendung des Ornaments, beleuchtet. Sie sollen als Ausgangspunkt für eine Wiederbelebung der Diskussion und kritischen Auseinandersetzung dienen. Verantwortlicher Kurator der Ausstellung ist Barry Bergdoll, zu den Mitwirkenden zählt unter anderem der herausragende Kenner des Wright-Nachlasses Michael Desmond.

Frank Lloyd Wright at 150: Unpacking the Archive, 12. Juni 2017– 1. Oktober 2017, MoMa, NYC.

USONIAN – entitled vision

12. November 2013 Kommentare aus
Frank Lloyd Wright: Jacobs House, Madison (Wisconsin), 1936. Detail der Straßenansicht.

Frank Lloyd Wright: Jacobs House, Madison (Wisconsin), 1936. Detail der Dachauskragungen.

Jüngst hat sich die ‚Königin der Kurven‘ in London ein schillerndes Denkmal ihrer schicken Designarchitektur  gesetzt, das auf den klangvollen Namen ‚Serpentine Sackler Gallery‘ hört. Die futuristisch anmutende, mit viel Anwenderfleiß aus den Computern gehämmerte Formverliebtheit, die jede Grundgesetzmäßigkeit architektonischer Erfahrung auf den Kopf zu stellen sucht, scheint hier eine neuerliche Hochleistung erreicht zu haben. Auf der anderen Seite wurde im provinziellen Ravensburg mit viel taktilem Gefühl das angeblich weltweit erste Museum mit Passivhausstandard aus abgerissenen Ziegelsteinresten gewebt. Dies alles vor dem Hintergrund immer knapper werdenden Ressourcen und dem objektiven Bedarf nach sozial nachhaltiger Bausubstanz. Politisch werden Ziele formuliert, die in verführerischen Begriffen wie ‚Mietpreisbremse‘ oder dem Wunsch nach mehr Sozialbauten münden und zugleich immer höhere energetische Auflagen setzen. Und wie wenn das alles irgendwie nichts miteinander zu tun hätte, wird das Land nunmehr regelmäßig von heftigen Flutkatastrophen heimgesucht, die ahnen lassen, dass eine weiterhin vorbehaltlose Flächenversiegelung unweigerlich ihren Tribut fordern wird. Obwohl die Bevölkerung im Grunde stagniert, fransen Siedlungen und Städte immer mehr aus, wird die Fläche umbauten Raums pro Arbeitnehmer und Privatbewohner immer größer. Und vor dem Hintergrund einer immer noch prekären Abhängigkeit von fossilen und atomaren Energiegewinnungsmethoden, wird das allgegenwärtig grassierende Spardiktat auf die Dämmleistungen der Häuser ausgedehnt, ohne ausreichend auf die Input-Seite zu schauen. Denn es ist diese Seite der klimarelevanten, oder sagen wir nachhaltigkeitsrelevanten, Kennwerte, die a priori den größten Nutzen verspricht. Das heißt also die Frage muss vor allem lauten, wieviel Energie stecke ich in ein Gebäude, ein Bauteil, ein Möbel überhaupt erst hinein? Bevor man darüber nachdenken und politisieren mag, wie sich der Verbrauch durch meist energieintensiv hergestellte Baumaterialien reduzieren lässt, muss ein Bewusstsein dafür entwickelt werden, dass man durch städtebauliche und architektonische Zonierung, die vertikale Struktur des Bauwerks und eine energieschonende, vielleicht sogar auf Recycling setzende Produktion sowie in größerem Maßstab durch Bestandsnutzung und Bestandsverdichtung bereits im Vorfeld die Weichen für eine umweltgerechtere Bauweise stellen kann. Dass dabei auch soziale Aspekte eine Relevanz erlangen können, ist derweil keine Entdeckung unseres Jahrhunderts. Vor etlichen Jahrzehnten hat nämlich niemand geringeres als Amerikas größtes Architekturgenie bereits eine Antwort auf eine Frage formuliert, die sich bis heute kaum noch jemand mehr richtig gestellt hat, wie kann ich, im Einklang mit mir selbst, meiner Umwelt und meiner Geschichte so bauen, dass dies eine Strategie für jeden oder fast jeden sein kann. USONIAN nannte Frank Lloyd Wright diese Vision und meinte damit das Haus für jedermann.

In seinem 1932 erschienen Aufsatz ‚The disappearing city‘ thematisiert Wright das Problem der Agglomerationen. Er kontert den Prozess der Intensivierung mit einem Modell dezentraler Siedlungen, in denen kleine Parzellen nicht mehr der Zierde, sondern der Bewirtschaftung dienen und das Einfamilienhaus dem verstärkten aufkommenden Massenwohnungsbau entgegengehalten wird. Jeder, so Wrights Vision, solle in einem für die täglichen Bedürfnisse maßgeschneiderten Haus im Einklang mit der Natur leben, anstatt, so mag man ihn verstehen, wie Nomaden durch die Schluchten und Wirren der Städte zu ziehen, um je nach Geldbeutel in einem Penthouse oder einer Gosse angespült zu werden. Wright lieferte zu diesem Konzept einer ruralen und zugleich modernen Gesellschaft, die sozusagen als Grundlage einer echten Demokratisierung dienen sollte, auch das passende Haus. Ein Haus, das in seiner schlichten Schlüssigkeit einer breiten Bevölkerungsschicht ein raumbezogen attraktives Wohnen ermöglichen sollte. Das seinerzeit aus dieser Vision hervorgegangene Siedlungsmodell der ‚Broadacre City‘  fand schließlich im Usonian-House seinen konkreten Widerhall. Wright entwarf den bislang einzigartigen und inzwischen bis heute weitergegebenen Typus eines schnell und einfach zu fertigenden, meist eingeschossigen Hauses, sozusagen den Prototypen des Fertighauses. Doch anstatt das Bauwerk durch die Mangel der bauwirtschaftlichen Produktion zum bloßen Raumbehälter degradieren zu lassen, schaffte durch die geschickte L-förmige Anlage und die von seinen Präriehäusern abgeleitete räumliche Struktur einen Einklang aus dem durch Interaktion des gebauten und unbebauten Raumes gewonnenen Freiraums und der Intimität der abschirmenden Anordnung. Dabei meint der Name ‚Usonian‘ vermutlich die nach Meinung Wrights korrektere Bezeichnung der USA als United States of North America. Darin beinhaltet  die Namensgebung offenbar die Implikation einer organischen, naturbezogenen Bauweise, die indigene Baumaterialien ebenso respektiert und nutzt, wie das vorgefundene Land, in das ein jeder baulicher Eingriff gerechtfertigt sein muss. Wrights Konzept bot ein leicht zu reproduzierendes und modifizierbares Modell, das auf fast alle gängigen Lagen angewandt werden konnte. Ebenso wichtig wie die architektonischen Qualitäten war Wright jedoch auch der ökonomische Aspekt, da es ein echtes ‚Volkshaus‘ sein sollte. Seinerzeit diente dieses einfache Hauskonzept dazu, dem überkommenen Wohnhabitus ein zeitgemäßes Gehäuse zu geben. Der Vereinfachung des spätviktorianischen Lebens  entsprach bislang kein Wohnmodell, das adäquat die Lebensbedingungen der Mittelschicht in ein architektonisches Gebilde übersetzt hätte. Ganz im Gegensatz zu den Wohnhausentwürfen der internationalen Moderne, die an einem standardisierenden Ideal ausgerichtet waren, bot Wrights Wohnhaustypus eine durchweg positiv besetzte Gemütlichkeit. Es transponierte sozusagen die bisher den großbürgerlichen Eliten vorbehaltenen Wohnerfahrungen in ein gleichermaßen individuelles wie veränderliches Modell, das der Realität moderner Lebenswelten, wie sie in den bekannten Romanen der Zeit noch heute plastisch erstehen, entsprechen sollte. Mit Wohnhäusern, die gegebenenfalls sogar von den Bewohner selbst gebaut werden konnten, mit diesen Wohnhäusern, die räumliche Qualitäten konzentrieren, Ressourcen sparen und im Einvernehmen mit natürlicher Belichtung und Witterung die Potenziale der Lage und der Architektur für den Bewohner auszuschöpfen und zugleich die Umwelt zu respektieren vermögen, lieferte Wright bereits in den 1930er Jahren eine Antwort, die heute im Umgang mit Fragen eines klimagerechten und würdevollen Wohnens als Lehre dienen kann.