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Die unsichtbaren Städte

22. September 2013 Kommentare aus

Phantasivolle Betrachtung der Stadt in der Übersetzung von Burkhart Kroeber neu aufgelegt

1972 erstmals herausgegeben ist Italo Calvinos Buch ‘Le città invisibili’ (Die unsichtbaren Städte) inzwischen neu im Fischer Verlag aufgelegt worden. Bis heute ist der fantastische Dialog Marco Polos mit Kublai Khan eine virtuose Reise in die unsichtbaren Zusammenhänge menschlichen Zusammelebens. Calvino gelingt dabei eine wunderbar poetische Synthese all der Dinge, die in unseren Städten und letzlich in unserem Sein verborgen sind. Die wahrgenommene Stadt als materialisierter Fingerabdruck des kollektiven Gedächtnisses steht im Mittelpunkt der Narration, – unsichtbare Fäden spannen ein unscheinbares aber gigantisches Netz auf. Der Roman, oder vielmehr die Erzählung, fügt sich in Calvinos kombinatorische Poesie, zu der auch der auf dem Tarockspiel basierende Roman ‘Das Schloß darin sich Schicksale kreuzen’ gehört. Dabei geht es um kombinatorische Lösungen im Dialog von Autor und Leser. Im Fall der ‘unsichtbaren Städte’ birgt Calvinos Prosa eine ungewohnt architektonische, ja städtebauliche Dimension.

Die von Marco Polo in einzelnen Kapiteln beschriebenen Städte sind Sinnbilder der chaotischen Unordnung unserer Wirklichkeit, die Versuche des Entdeckers zielen hingegen darauf ab, eine Form der Ordnung in diesem Chaos der Zivilisation zu erkennen und das städtische Leben zu strukturieren. Die beschriebenen Städte sind Träume und Alpträume zugleich. Der Mensch wiederum hat es in der Hand, baut täglich an diesen Städten, sprichwörtlich und im übertragenen Sinn. Vor allem im Geist des Betrachters und des Erlebenden werden die Städte unserer Zeit zu einem formbaren Fluidum, zum Gegenstand unserer Fantasie, die der Autor bewusst zum freien Flug motivieren möchte. Es geht um die trügerischen Versprechungen, absurde Regeln und Gesetzmäßigkeiten und um den Wunsch, durch einen persönlichen, offenen Zugang zur Lesart der Lebenswelt, einen Ausweg zu erreichen, eine sinnfällige Lösung zu finden. Abseits der festgezurrten Wege plädiert Calvino für die Vielfältigkeit der Kombinationen, der Fügungen und Konsequenzen, die sich aus dem je variierenden Handeln ergeben. Insofern bietet das Buch gerade für den architektonisch und städtebaulich Tätigen eine Inspirationsquelle in Bezug auf die Deutung der urbanen Organismen als Abbilder eines vielschichtigen Zusammenlebens und dessen inneren Beziehungslinien. Anhand der Dialoge zwischen Kublai Khan und Marco Polo verfügt die Erzählung über einen stets aufmerksamen und rekapitulierenden Rahmen und die Lektüre des Stadtbeschreibungen liest sich wie ein poetischer Wanderzug durch die Gassen menschlicher Identität: Die unsichtbaren Städte der Menschen!

Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2013. 176 Seiten. ISBN: 978-3596905270.