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Posts Tagged ‘Renzo Piano’

Neue Wege im alten Rom

10. September 2013 Kommentare aus
Renzo Piano: Parco della Musica (Rom), 1994-2003

Renzo Piano: Parco della Musica (Rom), 1994-2003

Nach der Eingliederung Roms in den italienischen Nationalstaat (1871) wurde das in städtebaulichem Sinne noch im Dornröschenschlaf schlummernde Rom erst langsam, dann dafür umso energischer zum Gegenstand tiefgreifender urbaner Modernisierungsprozesse. Die Weltausstellung im Jahre 1911 erschloss den Teil zwischen Tiber und Monte Mario einer ersten bürgerlichen Bebauung in größerem Stil (Prati). Calderinis gewaltiger Justizpalast manifestierte indes das entschiedene Statement des liberal-laizistischen Staates gegenüber den Zeugnissen der päpstlichen Herrschaft. Nicht zuletzt sollte das neue Quartier Prati das erste in Rom sein, von dem die Peterskuppel nicht zu sehen wäre. Derweil darbte der alte Teil Roms, also der zwischen den Hügeln entlang des Tridente liegende Kern in einem von prekären hygienischen Verhältnissen aber zugleich intakten sozio-urbanen Gefügen gekennzeichneten, fast dörflichen Zustand. Ein Zustand, in den allerdings bauspekulative Maßnahmen wie die Via Nazionale zunehmend mutierend eingriffen, bis sie schließlich aus dem Rom der Päpste das Rom der bürgerlichen Bauspekulanten machten. (Der Prozess wirkt heute noch nach, wenn man die Eigentumsverhältnisse in den Rioni e Quartieri durchleuchtet.)

Richard Meier: Museum 'Ara Pacis' (Rom), 1996-2006

Richard Meier: Museum ‚Ara Pacis‘ (Rom), 1996-2006

Die verhältnismäßige Stasis hinsichtlich größerer städtebaulicher Projekte öffentlichen Interesses ändert sich mit der Machtübernahme der Faschisten (1922). Für Mussolini sollte Rom zur Hauptstadt eines neuen Imperiums avancieren, große Umbauten und tiefgreifende Einschnitte in das bestehende Stadtgewebe in Verbindung mit großangelegten Stadterweiterungsmaßnahmen ebnen dem faschistischen Selbstdarstellungsanspruch den Weg in die Welt der architektonischen Zeichenhaftigkeit. Bis heute bleibende Zeugnisse dieser regen Bauaktivität sind etwa die Via della Conciliazione, die Via dell’Impero (heute Via dei Fori Imperiali), die Via Imperiale (heute Via Cristoforo Colombo) und die Via del Mare sowie das für die Weltausstellung 1942 vorgesehene neue Quartier E42 (heute EUR). Antike Monumente wurden mit großem Aufwand freigelegt, um den Bezug des Regimes zum Glanz des römischen Kaiserreiches zu beschwören, so beispielsweise durch die Anlage der Piazza Auguso Imperatore. Zu den wichtigsten Einzelbaumaßnahmen des Regimes in Rom gehören die Postpalazzi an der Via Bologna (Mario Ridolfi) und der Via Marmorata (Adalberto Libera) sowie die Schlüsselgebäude des Quartiers E42.

Zaha Hadid: Nationales Museum der Künste des XXI. Jahrhunderts - MAXXI (Rom), 1998-2010. Foto: Privat

Zaha Hadid: Nationales Museum der Künste des XXI. Jahrhunderts – MAXXI (Rom), 1998-2010. Foto: Privat

Im Anschluss an die gut zwei Jahrzehnte andauernde Ausweidung, Verdichtung und Erweiterung der Stadt unter faschistischer Herrschaft folgte nach dem Zweiten Weltkrieg ein regelrechter Neubaustopp (eine der Ausnahmen, Nervis Palazzetto dello Sport). Der Wert der Bausubstanz wurde höher gestellt, zugleich der Ausbau der Stadt an ihren Rändern massiv vorangetrieben, um dem Bevölkerungsdruck zu begegnen. Aus dieser Zeit zeugen riesige Sozialbauprojekte wie der Corviale. Erst in den letzte 15-20 Jahren hat sich die Stadtverwaltung einer Qualifizierung des innerstädtischen Bereichs mit mehreren modernen und neuartigen Gebäuden zugewandt. Für den Bau neuer Kultureinrichtungen (Bibliotheken, Museen, Konzerthallen), Tagungszentren und eine Kirche konnten international renommierte Architekten gewonnen werden. Tatsächlich zeigen die Bauwerke, dass ein Neubau in der Nachbarschaft des außergewöhnlich prägenden römischen Bauerbes durchaus bestehen und plausibel sein kann.  Der Percours dieser Gegenwartsarchitektur lädt ein, ihr Verhältnis zum städtischen Umfeld in den Blick zu nehmen und zu diskutieren. Grundsätzliche Aspekte wie die architektonische Aufwertung randständiger Stadtgebiete, die Auswirkungen des Massentourismus auf die Stadt oder das Verhältnis von neuer Architektur und Denkmalpflege werden dabei ebenso geschärft, wie die Frage, welche Bedeutung der Gegenwartsarchitektur insgesamt vor dem weiteren Horizont der städtebaulichen Entwicklung Roms seit dem späten 19. Jahrhundert und in  internationalem Rahmen zukommt.

Zu den jüngsten und jüngeren Bauwerken im innerstädtischen Bereich Rom gehören folgende bereits vollendete oder noch im Bau befindlichen Arbeiten:

  • Moschee und Centro Culturale Islamico (Paolo Portoghesi), 1975/76 und 1984-95
  • Umbau und Erweiterung der Kapitolinischen Museen (Carlo Aymonino), 1993-2005
  • Auditorium ‚Parco della Musica‘ (Renzo Piano), 1994-2003
  • Kirche des neuen Jahrtausends, Dives Misericordiae (Richard Meier), 1996-2003
  • Museum ‚Ara Pacis‘ (Richard Meier), 1996-2006, und Neugestaltung der Piazza Augusto Imperatore (Francesco Cellini), 2006-14
  • Museum ‚MAXXI‘ (Zaha Hadid), 1998-2010
  • Museum ‚MACRO‘ (Odile Decq), 2000-10
  • Hochgeschwindigkeitsbahnhof ‚Tiburtina‘ (Paolo Desideri, ABDR Architetti e Associati), 2001-11
  • Erweiterung des Palazzo delle Esposizioni durch die ‚Serra Piacentini‘ (Paolo Desideri, ABDR Architetti e Associati), 2003-07
  • Umbaumaßnahmen in der Biblioteca della Pontificia Università Lateranense (King Roselli Architetti), 2003-06 und der Biblioteca Hertziana (Juan Navarro Baldeweg), 2003-2012
  • Eurosky-Hochhaus (Franco Purini), 2005-
  • Centro Congressi Italia (Massimiliano Fuksas), 1998-2000, 2001-07, 2008-
  • Piazza San Silvestro (Paolo Portoghesi), 2012-13

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Renzo Piano Senator auf Lebenszeit

30. August 2013 Kommentare aus

Staatspräsident Giorgio Napolitano hat am 30. August vier Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gewürdigt, indem er sie als Senatoren auf Lebenszeit zu festen Mitgliedern des italienischen Senats berufen hat. Darunter auch der international anerkannte Architekt Renzo Piano.  1937 in Genua geboren, schließt Piano 1964 am Mailänder Polytechnikum sein Architekturstudium ab.  Weltweite Bekanntheit erreicht er durch das gemeinsam mit Gianfranco Franchini und Richard Rogers entworfene Centre Pompidou in Paris (1971-77). Seitdem ist Piano immer wieder durch architektonische Innovationen und Vielfältigkeit aufgefallen, die von der High-Tech-Architektur zu sensiblen und zurückhaltend-elementaren Bauwerken, wie zum Beispiel dem Dokumentationszentrum und Kloster in Ronchamp, reichen. Pianos Gespür für örtliche Begebenheiten und Ressourcen drückt sich derweil in großartigen Projekten wie dem Masterplan für die Küstenlinie seiner Heimatstadt Genua (2004) und der Pilgerkirche S. Pio di Pietralcina in S. Giovanni Rotondo (1991-2004) aus. Zu den zahlreichen Auszeichnungen des in Paris und Genua angesiedelten Architekten gehören der Premium Imperiale (1995) und der Pritzker Preis (1998). Sein soziales Engagement zeigt Piano in zahlreichen ehrenamtlichen Projekten und der 2004 gegründeten ‚Fondazione Renzo Piano‘, mit der er den Architektennachwuchs fördert. Sein eigenes Architekturbüro begreift er als eine Werkstatt, in der er jungen Architekten die Möglichkeit bietet, nah am Geschehen und in direktem Bezug zu den erfahreneren Kräften zu arbeiten und zu lernen. Mit der Ernennung zum Senator würdigt Napolitano den Architekten, aber auch den nach wie vor hohen Stellenwert, den die Architektur als Kulturtechnik in Italien genießt.