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Posts Tagged ‘Zaha Hadid’

USONIAN – entitled vision

12. November 2013 Kommentare aus
Frank Lloyd Wright: Jacobs House, Madison (Wisconsin), 1936. Detail der Straßenansicht.

Frank Lloyd Wright: Jacobs House, Madison (Wisconsin), 1936. Detail der Dachauskragungen.

Jüngst hat sich die ‚Königin der Kurven‘ in London ein schillerndes Denkmal ihrer schicken Designarchitektur  gesetzt, das auf den klangvollen Namen ‚Serpentine Sackler Gallery‘ hört. Die futuristisch anmutende, mit viel Anwenderfleiß aus den Computern gehämmerte Formverliebtheit, die jede Grundgesetzmäßigkeit architektonischer Erfahrung auf den Kopf zu stellen sucht, scheint hier eine neuerliche Hochleistung erreicht zu haben. Auf der anderen Seite wurde im provinziellen Ravensburg mit viel taktilem Gefühl das angeblich weltweit erste Museum mit Passivhausstandard aus abgerissenen Ziegelsteinresten gewebt. Dies alles vor dem Hintergrund immer knapper werdenden Ressourcen und dem objektiven Bedarf nach sozial nachhaltiger Bausubstanz. Politisch werden Ziele formuliert, die in verführerischen Begriffen wie ‚Mietpreisbremse‘ oder dem Wunsch nach mehr Sozialbauten münden und zugleich immer höhere energetische Auflagen setzen. Und wie wenn das alles irgendwie nichts miteinander zu tun hätte, wird das Land nunmehr regelmäßig von heftigen Flutkatastrophen heimgesucht, die ahnen lassen, dass eine weiterhin vorbehaltlose Flächenversiegelung unweigerlich ihren Tribut fordern wird. Obwohl die Bevölkerung im Grunde stagniert, fransen Siedlungen und Städte immer mehr aus, wird die Fläche umbauten Raums pro Arbeitnehmer und Privatbewohner immer größer. Und vor dem Hintergrund einer immer noch prekären Abhängigkeit von fossilen und atomaren Energiegewinnungsmethoden, wird das allgegenwärtig grassierende Spardiktat auf die Dämmleistungen der Häuser ausgedehnt, ohne ausreichend auf die Input-Seite zu schauen. Denn es ist diese Seite der klimarelevanten, oder sagen wir nachhaltigkeitsrelevanten, Kennwerte, die a priori den größten Nutzen verspricht. Das heißt also die Frage muss vor allem lauten, wieviel Energie stecke ich in ein Gebäude, ein Bauteil, ein Möbel überhaupt erst hinein? Bevor man darüber nachdenken und politisieren mag, wie sich der Verbrauch durch meist energieintensiv hergestellte Baumaterialien reduzieren lässt, muss ein Bewusstsein dafür entwickelt werden, dass man durch städtebauliche und architektonische Zonierung, die vertikale Struktur des Bauwerks und eine energieschonende, vielleicht sogar auf Recycling setzende Produktion sowie in größerem Maßstab durch Bestandsnutzung und Bestandsverdichtung bereits im Vorfeld die Weichen für eine umweltgerechtere Bauweise stellen kann. Dass dabei auch soziale Aspekte eine Relevanz erlangen können, ist derweil keine Entdeckung unseres Jahrhunderts. Vor etlichen Jahrzehnten hat nämlich niemand geringeres als Amerikas größtes Architekturgenie bereits eine Antwort auf eine Frage formuliert, die sich bis heute kaum noch jemand mehr richtig gestellt hat, wie kann ich, im Einklang mit mir selbst, meiner Umwelt und meiner Geschichte so bauen, dass dies eine Strategie für jeden oder fast jeden sein kann. USONIAN nannte Frank Lloyd Wright diese Vision und meinte damit das Haus für jedermann.

In seinem 1932 erschienen Aufsatz ‚The disappearing city‘ thematisiert Wright das Problem der Agglomerationen. Er kontert den Prozess der Intensivierung mit einem Modell dezentraler Siedlungen, in denen kleine Parzellen nicht mehr der Zierde, sondern der Bewirtschaftung dienen und das Einfamilienhaus dem verstärkten aufkommenden Massenwohnungsbau entgegengehalten wird. Jeder, so Wrights Vision, solle in einem für die täglichen Bedürfnisse maßgeschneiderten Haus im Einklang mit der Natur leben, anstatt, so mag man ihn verstehen, wie Nomaden durch die Schluchten und Wirren der Städte zu ziehen, um je nach Geldbeutel in einem Penthouse oder einer Gosse angespült zu werden. Wright lieferte zu diesem Konzept einer ruralen und zugleich modernen Gesellschaft, die sozusagen als Grundlage einer echten Demokratisierung dienen sollte, auch das passende Haus. Ein Haus, das in seiner schlichten Schlüssigkeit einer breiten Bevölkerungsschicht ein raumbezogen attraktives Wohnen ermöglichen sollte. Das seinerzeit aus dieser Vision hervorgegangene Siedlungsmodell der ‚Broadacre City‘  fand schließlich im Usonian-House seinen konkreten Widerhall. Wright entwarf den bislang einzigartigen und inzwischen bis heute weitergegebenen Typus eines schnell und einfach zu fertigenden, meist eingeschossigen Hauses, sozusagen den Prototypen des Fertighauses. Doch anstatt das Bauwerk durch die Mangel der bauwirtschaftlichen Produktion zum bloßen Raumbehälter degradieren zu lassen, schaffte durch die geschickte L-förmige Anlage und die von seinen Präriehäusern abgeleitete räumliche Struktur einen Einklang aus dem durch Interaktion des gebauten und unbebauten Raumes gewonnenen Freiraums und der Intimität der abschirmenden Anordnung. Dabei meint der Name ‚Usonian‘ vermutlich die nach Meinung Wrights korrektere Bezeichnung der USA als United States of North America. Darin beinhaltet  die Namensgebung offenbar die Implikation einer organischen, naturbezogenen Bauweise, die indigene Baumaterialien ebenso respektiert und nutzt, wie das vorgefundene Land, in das ein jeder baulicher Eingriff gerechtfertigt sein muss. Wrights Konzept bot ein leicht zu reproduzierendes und modifizierbares Modell, das auf fast alle gängigen Lagen angewandt werden konnte. Ebenso wichtig wie die architektonischen Qualitäten war Wright jedoch auch der ökonomische Aspekt, da es ein echtes ‚Volkshaus‘ sein sollte. Seinerzeit diente dieses einfache Hauskonzept dazu, dem überkommenen Wohnhabitus ein zeitgemäßes Gehäuse zu geben. Der Vereinfachung des spätviktorianischen Lebens  entsprach bislang kein Wohnmodell, das adäquat die Lebensbedingungen der Mittelschicht in ein architektonisches Gebilde übersetzt hätte. Ganz im Gegensatz zu den Wohnhausentwürfen der internationalen Moderne, die an einem standardisierenden Ideal ausgerichtet waren, bot Wrights Wohnhaustypus eine durchweg positiv besetzte Gemütlichkeit. Es transponierte sozusagen die bisher den großbürgerlichen Eliten vorbehaltenen Wohnerfahrungen in ein gleichermaßen individuelles wie veränderliches Modell, das der Realität moderner Lebenswelten, wie sie in den bekannten Romanen der Zeit noch heute plastisch erstehen, entsprechen sollte. Mit Wohnhäusern, die gegebenenfalls sogar von den Bewohner selbst gebaut werden konnten, mit diesen Wohnhäusern, die räumliche Qualitäten konzentrieren, Ressourcen sparen und im Einvernehmen mit natürlicher Belichtung und Witterung die Potenziale der Lage und der Architektur für den Bewohner auszuschöpfen und zugleich die Umwelt zu respektieren vermögen, lieferte Wright bereits in den 1930er Jahren eine Antwort, die heute im Umgang mit Fragen eines klimagerechten und würdevollen Wohnens als Lehre dienen kann.

Neue Wege im alten Rom

10. September 2013 Kommentare aus
Renzo Piano: Parco della Musica (Rom), 1994-2003

Renzo Piano: Parco della Musica (Rom), 1994-2003

Nach der Eingliederung Roms in den italienischen Nationalstaat (1871) wurde das in städtebaulichem Sinne noch im Dornröschenschlaf schlummernde Rom erst langsam, dann dafür umso energischer zum Gegenstand tiefgreifender urbaner Modernisierungsprozesse. Die Weltausstellung im Jahre 1911 erschloss den Teil zwischen Tiber und Monte Mario einer ersten bürgerlichen Bebauung in größerem Stil (Prati). Calderinis gewaltiger Justizpalast manifestierte indes das entschiedene Statement des liberal-laizistischen Staates gegenüber den Zeugnissen der päpstlichen Herrschaft. Nicht zuletzt sollte das neue Quartier Prati das erste in Rom sein, von dem die Peterskuppel nicht zu sehen wäre. Derweil darbte der alte Teil Roms, also der zwischen den Hügeln entlang des Tridente liegende Kern in einem von prekären hygienischen Verhältnissen aber zugleich intakten sozio-urbanen Gefügen gekennzeichneten, fast dörflichen Zustand. Ein Zustand, in den allerdings bauspekulative Maßnahmen wie die Via Nazionale zunehmend mutierend eingriffen, bis sie schließlich aus dem Rom der Päpste das Rom der bürgerlichen Bauspekulanten machten. (Der Prozess wirkt heute noch nach, wenn man die Eigentumsverhältnisse in den Rioni e Quartieri durchleuchtet.)

Richard Meier: Museum 'Ara Pacis' (Rom), 1996-2006

Richard Meier: Museum ‚Ara Pacis‘ (Rom), 1996-2006

Die verhältnismäßige Stasis hinsichtlich größerer städtebaulicher Projekte öffentlichen Interesses ändert sich mit der Machtübernahme der Faschisten (1922). Für Mussolini sollte Rom zur Hauptstadt eines neuen Imperiums avancieren, große Umbauten und tiefgreifende Einschnitte in das bestehende Stadtgewebe in Verbindung mit großangelegten Stadterweiterungsmaßnahmen ebnen dem faschistischen Selbstdarstellungsanspruch den Weg in die Welt der architektonischen Zeichenhaftigkeit. Bis heute bleibende Zeugnisse dieser regen Bauaktivität sind etwa die Via della Conciliazione, die Via dell’Impero (heute Via dei Fori Imperiali), die Via Imperiale (heute Via Cristoforo Colombo) und die Via del Mare sowie das für die Weltausstellung 1942 vorgesehene neue Quartier E42 (heute EUR). Antike Monumente wurden mit großem Aufwand freigelegt, um den Bezug des Regimes zum Glanz des römischen Kaiserreiches zu beschwören, so beispielsweise durch die Anlage der Piazza Auguso Imperatore. Zu den wichtigsten Einzelbaumaßnahmen des Regimes in Rom gehören die Postpalazzi an der Via Bologna (Mario Ridolfi) und der Via Marmorata (Adalberto Libera) sowie die Schlüsselgebäude des Quartiers E42.

Zaha Hadid: Nationales Museum der Künste des XXI. Jahrhunderts - MAXXI (Rom), 1998-2010. Foto: Privat

Zaha Hadid: Nationales Museum der Künste des XXI. Jahrhunderts – MAXXI (Rom), 1998-2010. Foto: Privat

Im Anschluss an die gut zwei Jahrzehnte andauernde Ausweidung, Verdichtung und Erweiterung der Stadt unter faschistischer Herrschaft folgte nach dem Zweiten Weltkrieg ein regelrechter Neubaustopp (eine der Ausnahmen, Nervis Palazzetto dello Sport). Der Wert der Bausubstanz wurde höher gestellt, zugleich der Ausbau der Stadt an ihren Rändern massiv vorangetrieben, um dem Bevölkerungsdruck zu begegnen. Aus dieser Zeit zeugen riesige Sozialbauprojekte wie der Corviale. Erst in den letzte 15-20 Jahren hat sich die Stadtverwaltung einer Qualifizierung des innerstädtischen Bereichs mit mehreren modernen und neuartigen Gebäuden zugewandt. Für den Bau neuer Kultureinrichtungen (Bibliotheken, Museen, Konzerthallen), Tagungszentren und eine Kirche konnten international renommierte Architekten gewonnen werden. Tatsächlich zeigen die Bauwerke, dass ein Neubau in der Nachbarschaft des außergewöhnlich prägenden römischen Bauerbes durchaus bestehen und plausibel sein kann.  Der Percours dieser Gegenwartsarchitektur lädt ein, ihr Verhältnis zum städtischen Umfeld in den Blick zu nehmen und zu diskutieren. Grundsätzliche Aspekte wie die architektonische Aufwertung randständiger Stadtgebiete, die Auswirkungen des Massentourismus auf die Stadt oder das Verhältnis von neuer Architektur und Denkmalpflege werden dabei ebenso geschärft, wie die Frage, welche Bedeutung der Gegenwartsarchitektur insgesamt vor dem weiteren Horizont der städtebaulichen Entwicklung Roms seit dem späten 19. Jahrhundert und in  internationalem Rahmen zukommt.

Zu den jüngsten und jüngeren Bauwerken im innerstädtischen Bereich Rom gehören folgende bereits vollendete oder noch im Bau befindlichen Arbeiten:

  • Moschee und Centro Culturale Islamico (Paolo Portoghesi), 1975/76 und 1984-95
  • Umbau und Erweiterung der Kapitolinischen Museen (Carlo Aymonino), 1993-2005
  • Auditorium ‚Parco della Musica‘ (Renzo Piano), 1994-2003
  • Kirche des neuen Jahrtausends, Dives Misericordiae (Richard Meier), 1996-2003
  • Museum ‚Ara Pacis‘ (Richard Meier), 1996-2006, und Neugestaltung der Piazza Augusto Imperatore (Francesco Cellini), 2006-14
  • Museum ‚MAXXI‘ (Zaha Hadid), 1998-2010
  • Museum ‚MACRO‘ (Odile Decq), 2000-10
  • Hochgeschwindigkeitsbahnhof ‚Tiburtina‘ (Paolo Desideri, ABDR Architetti e Associati), 2001-11
  • Erweiterung des Palazzo delle Esposizioni durch die ‚Serra Piacentini‘ (Paolo Desideri, ABDR Architetti e Associati), 2003-07
  • Umbaumaßnahmen in der Biblioteca della Pontificia Università Lateranense (King Roselli Architetti), 2003-06 und der Biblioteca Hertziana (Juan Navarro Baldeweg), 2003-2012
  • Eurosky-Hochhaus (Franco Purini), 2005-
  • Centro Congressi Italia (Massimiliano Fuksas), 1998-2000, 2001-07, 2008-
  • Piazza San Silvestro (Paolo Portoghesi), 2012-13

Zaha Hadid erhält Auftrag im Irak

2. Februar 2012 Kommentare aus

v.l.n.r.: Sinan Al-Shabibi, Zaha Hadid, Muhielddin Hussein Abdullah. Foto: Luke Hayes.

Die international renommierte Architektin Zaha Hadid (51) wurde beauftragt, den neuen Hauptsitz der irakischen Zentralbank zu entwerfen. Am 2. Februar unterschrieb sie hierfür einen Vertrag mit der von Sinan al Shabibi vertretenen Bank. Gegründet wurde die Zentralbank noch unter König Faisal II. im Jahre 1947. Die Beauftragung anerkannter Architekten hat derweil Tradition. So wurde das bisher als Hauptsitz genutzte Gebäude von den dänischen Architekten Dissing+Weitling – dem Nachfolgebüro von Arne Jacobsen – entworfen und 1985 fertiggestellt. Das neue Hauptgebäude soll in Bagdad am Ufer des Tigris in exponierter Lage entstehen. Dabei wird Zaha Hadid ein internationales Team von Planern anführen. Das neue Gebäude soll, so al Shabibi, zum Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs seines Landes werden und zugleich demWiederaufbau Ausdruck verleihen. Die in Bagdad geborene Londoner Architektin zeigte sich derweil sichtlich gerührt: „Dass man mich gefragt hat, den Hauptsitz der irakischen Zentralbank zu entwerfen berührt mich zutiefst. Ich wurde im Irak geboren und fühle mich dem Land immer noch sehr verbunden. Es ist mir eine Ehre, im Irak an einem so symbolträchtigen Projekt mitwirken zu können.“