Was ist Architektur?

„Die Architektur als Gradmesser der Zivilisation entsteht dann, wenn sie klarer, elementarer und vollkommener Ausdruck eines Volkes ist, das sorgsam jene Werke erwählt, beobachtet und anerkennt, die mit großer Anstrengung die geistigen Werte aller Menschen offenbaren.“ Giuseppe Terragni in einem Manuskript aus dem Jahre 1941, zit.n. Zevi, Bruno: Giuseppe Terragni. Bologna 1980, S. 118.

Pantheon in Rom (118-125 n.Chr.). Foto: Privat.

Was ist Architektur?

Ist die Architektur die Kunst zu bauen, ist sie das Ergebnis eines beharrlichen Strebens nach Bewältigung sich stellender Aufgaben? Ist die Architektur eine Wissenschaft? Gibt es eine Moral in der Architektur, die mit konstruktiver Ehrlichkeit oder Ähnlichem nichts zu tun hat?

Nein, die Architektur ist keine Wissenschaft und sollte auch nicht versuchen sich wie eine solche zu verhalten! Die Architektur ist mehr als die Summe ihrer Teile.

Die Architektur ist von großer Bedeutung, denn sie schafft einen beträchtlichen Teil unserer Umwelt und ich möchte sie in diesem Zusammenhang nicht in Kontraposition zur organisch wachsenden Natur sehen, denn wenn der Mensch eine Daseinsberechtigung besitzt und davon gehe ich aus, dann haben auch diejenigen von ihm geschaffenen ‚Erzeugnisse’ Anspruch darauf, als ein gleichrangiger Bestandteil der Natur verstanden zu werden. So teilt sich für mich die Umwelt in einen organisch wachsenden, vom Menschen relativ autonomen Bestandteil und einen vom Menschen Kraft seines Willens geschaffenen architektonischen Bestandteil, der alles umfasst, was von Menschenhand und Menschendenken her stammt und sich nicht gänzlich selbstständig erzeugen kann.

Erkennt man die Architektur als immanenten Teil unserer Natur an, der rückwirkend unser Leben in Form des uns Umgebenden beeinflusst, dann ist es offensichtlich, dass die Architektur auch jene nicht greifbaren Dinge des menschlichen Lebens, wie etwa die Poesie eines Gedichtes zum grundlegenden Inhalt hat. Wenn man aber nun eine solche Kunst, wie sie die Architektur darstellt, darauf reduzieren möchte, primär eine logisch funktionierende und beweisbare Wissenschaft sein zu wollen, wird man sich darauf beschränken, dass jenseits einer mathematischen Rechnung keine konstituierende Kraft für die Architektur bestehen kann: zwei plus zwei wäre dann immer gleich vier und man würde diejenige Kraft der Architektur, die zwischen und auch hinter den Zeilen des Lebens zu lesen vermag, gemäß derer zwei plus zwei auch einmal drei oder fünf ergeben kann, gnadenlos verkennen, sich in eine selbstherrliche Diktatur des Beweisbaren und damit scheinbar einzig Plausiblen hüllen; weil sich dann die Ergebnisse all jenen, die über die notwendigen Kenntnisse und Ressourcen verfügen, als die Rationalität und Unanfechtbarkeit des Werkes demonstrieren würden. Ethik, Wissen, ja Kultur werden so im Reigen der ineinander verzahnten politischen Mechanismen zum Input einer hypokritischen Gesellschaft degeneriert –  après nous le déluge!

Nun, meine Zeitgenossen werden, um den Schein wahren zu können, behaupten, dem sei nicht so oder ich würde nur die negativen Begleiterscheinungen einer notwendigen zivilisatorischen Entwicklung thematisieren – diese irren! Denn bei genauerer Betrachtung der Funktionsweisen unserer gesellschaftlichen Systeme wird man erkennen, dass innerhalb dieser ein imaginäres materielles Wertesystem herrscht, dem sich das Handeln und Denken der Menschen kontinuierlich und latent anpasst. Man könnte sozusagen von einer negativen Dynamik der Prozesse sprechen, die sowohl im Großen wie auch im Kleinen eine verheerende Wirkung hat und dabei die Erkenntnis als bewusstseinsbildende Kraft hinter festgesteckten Erwartungshaltungen zurücktritt und/oder in ein normierendes Korsett der Eitelkeit und Imagepflege gesteckt wird; oder wie könnte man sonst noch Phänomene wie etwa ‚Corporate Identity’, ‚gläserne Manufakturen’ oder Ähnliches deuten.

„Alle unsere Vorstellungen und Wahrnehmungen erhalten wir durch uns umgebende Gegenstände“ (Boullée, Etienne-Louis 1987, S. 55), die Architektur ist keine exakte Wissenschaft und das ist ihre Stärke (sic!) – eine Stärke, die sie in die Lage versetzt, ein Filter des Weltgeschehens zu sein, der Teil einer tiefgreifenden kritischen Reflexion ist und so dem tieferen Verständnis unseres Seins Ausdruck verleiht.

Die Architektur besitzt sehr wohl eine Moral, ja eine Ethik und es ist die Ethik des Menschen, dem sie dient und der sie [die Architektur] hervorbringt. Die Architektur existiert nicht um ihrer selbst Willen und ebenso wenig erschöpft sie sich in den ‚raffinierten syntaktischen Übungen’ einer institutionalisierten und etablierten Profession! Nicht erst heute sieht man sich innerhalb der Architektur einem gefährlichen Akademismus gegenüber, der die philosophischen Werte dieser Kunst reduziert auf lehrbare und fachlich begreifbare Syntagmen. Dies wird umso deutlicher, wenn man beobachtet, wie sich sowohl die Architekturdiskussion als auch die Lehre immer noch auf die mit bemerkenswerter Dogmatik propagierten Erkenntnisse der Moderne stützt und sich wiederum die Kritik an derselben fast ausschließlich aus einer hervorragend ausgearbeiteten, kunstvollen Rhetorik rekrutiert. Die Architektur ist nicht, wie Vitruv für alle Zeiten festgelegt zu haben scheint, die Kunst zu bauen. Die Baugeschichte und auch die Geschichte der Architekturtheorie sind angereichert mit Kommentaren über diese und jene Proportionsverhältnisse, Ordnungen und Ausführungen, über Harmonie, Symmetrie, etc., dies alles hat aber nur dahin geführt, dass wir heute einem schier endlosen Wust an Architekturproduktion vermeintlich engagierter Individualismen innerhalb eines definierten Sprachgebrauchs/Panoptikums der Architektur gegenüber stehen. Abgewaschen erscheint mir vor diesem Hintergrund die schulmeisterliche Rede, die Architekten sollten zuerst lernen zu sprechen, bevor sie ihre eigene Sprache sprechen könnten, doch wer kann garantieren, dass einmal eine Sprache erlernt, die freie und somit wirklich kritische, nicht normierte Herausbildung einer eigenen Sprache überhaupt noch möglich ist oder zumindest angestrebt wird? – Das hier deutlich werdende Problem lässt sich sogar bei den renommierten Leitwölfen der Architektur, wie zum Beispiel Frank Gehry, Peter Eisenman oder Zaha Hadid, um nur zwei zu nennen, erkennen. Die Architektur ist Opfer eines dogmatisch agierenden Star-Systems, das bis in die architektonische Provinz hineinwirkt und das die Architekten mit ihrem eigenen Handeln behände weiterführen.

„Vielleicht darf ich als Engländerin sagen, dass es unabhängig von dem, was uns durch unsere nationale Geschichte prägt, in der Architektur doch eigentlich immer um Angemessenheit geht. Um die Frage: Was finde ich vor? Wie verhalte ich mich zur Textur der Stadt? Ob ich mich dann anschmiege oder mich herausstelle mit meinem Gebäude, ist immer abhängig vom jeweiligen Ort.“ Louisa Hutton zit.n. Die Zeit, 17.02.2013.

Es gibt zu viele Architekten, als dass man noch ernsthaft glauben könnte, innerhalb der Architektur könne sich eine inhaltliche Revolution vollziehen, die die beliebige Folge trivialer und formaler Innovation durchbräche und der Architektur als bewusstseinsbildendem, kulturschaffendem Ereignis Rechnung trüge; dennoch bleibt es in der Verantwortung der Architekten, sich nicht in die herrschende Flut zivilisatorischer Prozesse hineinzuergeben und die Architektur als eine kunstvolle Manifestation der auf beständigem Wettkampf beruhenden gesellschaftlichen Ordnung zu betreiben. In diesem Umfeld der Ignoranz und Dekultivierung wäre es für die Architektur von fundamentaler Bedeutung, auch jene elitäre Naivität zu überwinden, die dazu geführt hat, in erster Linie gebaute und/oder als Architektur etikettierte Architekturen zum Gegenstand der respektiven Betrachtungen zu machen, denn jeder Entwurf, jeder Gedanke ist Teil einer Ganzheit, selbst wenn dieser nie ‚realisiert’ oder einem breiteren Publikum offenbart wird. Allein schon diese Erkenntnis macht deutlich, dass die Architektur ihre Antworten nur aus einer vom System losgelösten, bewussten Betrachtung des Wesentlichen entwickeln kann.

Der Architekt ist kein Gestalter, der sich der Aufgabe des embelissement hinzugeben hat, auch steht er nicht im designerischen und oder technischen Wettstreit, sondern er trägt eine außerordentlich Verantwortung, die die Verantwortung der einzelnen Menschen in einer nur der Architektur möglichen Weise bündelt und intensiviert. Aldo Rossi spricht in dieser Hinsicht zu Recht von der Architektur als „coscienza civile“ (it. „bürgerschaftlichem Gewissen“).

Die Architektur ist nicht das Ergebnis eines beharrlichen ästhetischen Strebens nach Bewältigung sich stellender Aufgaben und Vitruv, der bei genauerer Betrachtung bis heute größeren normsetzenden Einfluss zu haben scheint, als zuweilen zugegeben wird, hat nicht Recht und er ist auch kein ernst zu nehmender Architekturtheoretiker, die Bedeutung seines baupraktischen Ratgebers speist sich meines Erachtens und in Anlehnung an Fritz Neumayer nur aus der Tatsache, einziger überlieferter ‚Architekturtheoretiker’ der Antike zu sein; und dennoch verkörpert er par excellence die Grundprinzipien einer heute noch häufig anzutreffenden Architektenhaltung.

„mettre la nature en œuvre“ (Boullée, Etienne-Louis 1987, S. 63) – Die Natur ins Werk zu setzen, so wie wir sie gewissenhaft reflektieren, das ist die Aufgabe der Architektur und nicht wie Vitruv und andere propagieren, Bilder bei den Menschen aufgrund der ästhetischen Anordnung von Körpern hervorzurufen. Denn diese Körper müssen, um glaubhaft sein zu können Bestandteil unserer Geschichte sein, die Ebene des reinen Wissens überwinden und auf dessen Grundlage das Bewusstsein der Gegenwart und Zukunft fundieren. Es geht darum, all den Reichtum der uns umgebenden Welt aufzunehmen und diesen durch Architektur auf eine spezifische Art und Weise erfahrbar zu machen. Die Architektur ist eine Art der Weltanschauung, eine Art, die Dinge der Welt zu lesen und zum Quell eines Werkes zu machen, das Bestandteil unserer eigenen Identität, unseres kollektiven Gedächtnisses wird/ist.

„Architecture is man’s great sense of himself embodied in a world of his own creation.“ Frank Lloyd Wright, 1955.

Die Architektur ist auch nicht wie Claude Perrault konstatierte, das Ergebnis eines fantastischen schöpferischen Aktes, kein genialer sinnentrückter Einfall einer nur sich selbst dienenden kodifizierten Ästhetik, die selbst zur Funktion verkümmert, als Vorwand des architektonischen Diktats einer selbstgefälligen Elite herhalten muss.

Die Beschränkung auf designerische Applikation, auf ein Grasen an der Oberfläche, indem man vordefinierten Nomenklaturen geradezu sklavisch versucht zu entsprechen, ist Ausdruck der ignoranten Huldigung eines verschobenen materiellen ‚Wertesystems’.

Es ist nicht(!) Aufgabe des Architekten, die Welt zu ändern, aber es ist sehr wohl seine wie auch die Aufgabe eines jeden Menschen, gemäß seiner eigenen Kraft, gewissenhaft Haltung zu beziehen und diese auch in seinem Denken und Tun zu praktizieren!

Er [der Architekt] darf jedenfalls nicht Schiller zitieren und gleichzeitig von der Architektur als Dienstleistung sprechen, er darf nicht Seifenblasen entwerfen und behaupten diese seien organisch, er darf nicht eine Messehalle komplett aus Glas bauen und dann noch behaupten, diese sei Ausdruck der Evolution! Auch darf man nicht für Prada ein sogenanntes Epicenter errichten und gleichzeitig ‚Konzepte’ für Lagos entwickeln, usw. usf.

Die Architektur ist eine Frage der Haltung!

Luigi Monzo, 2002